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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 115

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 115)
Language
German
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hin über sich selber hinaus. Aber furchtbar: Prophet wider sich selber zu sein! Obschon dies zum Wesen der Prophetie gehört. Furchtbares Gericht, das wir Deutschen vollziehn an uns mit unserer reichischen Idee. Die unsere Feigheit entblößt: Philister-Feigheit vor dem Israel Gottes, vor der Revolution. Cäsar wider Christus: das ist der Sinn der Idee des Welt-Reichs. Welt-Ordnung statt Welt-Wunder! Sind wir Deutschen nicht der grundsätzliche Nicht-Revolutionär? die Schlafmütze? das Volk der Mitte, statt des Endes; das Volk, das die Notwendigkeit fühlen will? der Stubenhocker, dem sein Kämmercheu die Welt; ob auch wir in alle Welt ziehn, in alle Gedanken-Welt auch? Der Pedant, der vor allem Ruhe haben will. Für angestrengteste Tätigkeit - ja!, aber gegen Gerissenwerden im Geist, gegen Weltwiedergeburt, gegen Ltopie! Die Sünde der Trägheit des Herzens, die hat uns zum Volk der Denker gemacht. Als wrir den Rest unsres Reichs, des alt-cäsarischen, mußten begraben - getötet vom Kaiser der französischen Rev olution -, da haben wir Hegeln geboren. Da haben wir die preußische Staats-Bescheidenheit Kants, der nur Prolegomena einer Metaphysik, nur die Verhülltheit des Reiches Gottes zu sagen gewagt, überschritten und die Welt, ja Gott, eingestaatlicht in unseren geistigen Kreis, in die dialektische Bewegung des objektiven Geists, d. i. der neutralgemachten Geistigkeit, auf daß sie uns bewahre vor den alle Dialektik, und noch viel mehr als sie, zu nichts wehenden Wehen des heiligen Geists. Und ist Hegel der Schleppträger Karls des Großen, so tritt ihm der gegnerische deutsche Popular- Philosoph, Schopenhauer, die Schleppe zwar ab, aber geistert hinter der Reich-Idee her ebenfalls, nur hinter einem Reich negativen Vorzeichens; schimpfend aufs Absolutum doziert auch er absolut: nirwanisch-metaphysisches Welt-Reglement. Unsere Welt-Polizei-Denker beriefen sich nicht nur auf Kant, sondern gar auf Plato. Aber hier mag man sehn, was ein wirklicher Philosoph ist. Nämlich: einer, der philosophiert, aber keine Philosophie hat. Plato hat Angst - und das ist sein Ruhm. Nichts hier von der Selb-Sicherheit, die den Welt-Zirkel führt; die alle Klüfte und Kanten versöhut, sei's mutig aufwälzend in einer Entwicklung, die das Dasein rückführt in die Welt-Vernunft des Seins, sei's unmutig den Welt-Willen mit der Welt- Vorstellung bändigend. Sondern Plato redet in heiliger Scham. Tastend O ö D geht er der Wirklichkeit nach, fürchtend, den Boden unterm Fuß zu ver- 113

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