Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
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wohl auch in mir. Und in mir lebt es so, daß ich sagen muß: eine seiner stärksten Quellen ist die katholische Kirche, zu der vor vierzig Jahren ganz Neusorge gehörte und zu der es jetzt noch gerechnet wird. Vor vierzig Jahren war noch kein Haus in Neusorge, aus dessen Tür nicht Sonntags früh eine Anzahl feiertäglich gekleideter Menschen trat, um in die Kirche zu gehen. Von der Höhe der Roterlehne aus war es ein schöner Anblick, diese feierlichen Gruppen auf der Straße und auf den Bauernwegen dahinziehen zu sehen. Manche Wege führen heute noch den Namen Kirchsteig. Zur Kirche hatte man das Recht auf dem kürzesten Wege zu gehen, auf dem man sonst zwar auch ging, aber nicht mit Recht. Zur Kirche wie zum Grabe, meinte man, dürfe kein Umweg sein und kein Zurück. Da durfte man auch an dem Rande eines Obstgartens entlang gehen, wo sonst kein Weg war. Selbst der breitspurige Leichenwagen behauptet jetzt noch das Recht, durch Gras und Klee zu fahren, wenn der Besitzer nicht vorher einen genügend breiten Streifen freimäht. Auf ebensolchen Wegen kommt das Volk auch von den anderen, rings um das Dorf und seine Au liegenden Siedlungen. Ein Strahlenstern wird, in dessen Mitte die Kirche Hegt. Wie eine Henne hegt sie da mit ihrem breiten Dache und lockt mit ihren Glockentönen die Küchlein weit und nah, um sie mit ihren Flügeln zu decken. Manche Häuser wurden ganz leer; in manchen blieb nur ein Wächter, oft auch fürs Nachbarhaus zurück. Auf den Feldern sah man Sonntags früh und vormittags niemanden. Das ist nun anders geworden. Es gehen noch viele Leute in alter Treue zur Kirche, aber es ist Erfüllung des Gesetzes, es ist keine Selbstdarstellung des Volkes mehr. Manchmal finden zur Kirchzeit gewerkschaftliche Versammlungen statt, die einen Teil der Männer an sich ziehen. Ein anderer Teil des Volkes sondert sich ab und besucht die Konventikel der in letzter Zeit eingedrungenen Sekten, deren Anhänger die eigene Gemeinschaft so stark betonen, daß die Volksgemeinschaft gelöst wird. „Der und der gehört nicht zu uns; der gehört zur Welt", sagen sie. Während die Gewerkschaftler solches nicht tun, wohl aber die Volksgemeinschaft als Ganzes von der Kirche loslösen, obwohl ihre Mitglieder im einzelnen noch Kirchgänger blieben. Ich weiß auch, daß früher jeder Neusorger seinen Lieblingsplatz in den Bänken des Kirchenschiffs oder des Sängerchores hatte. Auch wenn einmal die Bank schon voll besetzt war, - er mußte noch hinein; auch wenn er hinter den Pfeiler 102