Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
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Winter. Ereignisse aus dem vorletzten Jahrzehnte liegen in tiefer Vergangenheit; ewig dauert es bis zum Heiratenkönnen, nach dem sich der Neusorger Junge frühzeitig sehnt. Der Tag der Väter und Mütter dauert vom Aufstehen bis zum Schlafengehen achtzehn Stunden, geht aber so schnell vorüber, daß oft die Klage laut wird: „Ich habe halt gar keine Zeit" - die Großväter konnten noch die Bibel lesen, konnten Bauerntruhen malen, konnten figurenreiche Weihnachtskrippen schnitzen und hatten beim Tode doch mehr Gold und Silber, als ihre rastlos tätigen und besorgten Enkel Der Tag der Alten dauert vierundzwanzig Stunden; sie können nicht mehr schlafen, ohne jede Stunde schlagen zu hören, während die Kinder gar keine Stunde, die Väter und Mütter die zwölf Arbeitsstunden schlagen hören. Nur die Schmerzen und Gebrechen vermitteln dem Alten noch die Vorstellung einer langen Zeit. Darum leben sie noch, weil sie leiden. Wenn sie nicht leiden, geht die Zeit fern von ihnen. Sie leben nur noch in der fernen Kinderzeit, denken nur an vergangene Ernten. Auf ihrem gegenwärtigen Wege ist keine Zeit mehr. Die heutige Neusorger Jugend kennt kaum mehr einen Großvater oder eine Großmutter. Ihre Väter und Mütter sind alle in der Vollkraft der Jahre. Es geht von Munde zu Munde, daß der fünfjährige Herbert, von unserem Nachbar der Sohn, gesagt hat: „Der Erich - sein älterer Bruder - muß acht Jahre in die Schule gehen. Ich werde nur einen Tag in die Schule gehen, dann werde ich Vater!" oder: „dann werde ich grau". Ich freue mich, daß der Fluß des Volkstums durch Neusorge geht. 7 o O Wo man sonst von Volkstum spricht, ist es oft nur ein Kanal, der seine Wasser von anderen Flüssen bezieht. Der Fluß ist eine Gnade für die Landschaft, das Volkstum für die Menschheit. Das Volkstum kann austrocknen oder versumpfen. Es ist nicht überall und nicht allezeit gegeben. Es ist wie alle Gnaden. Wer irgend etwas davon versteht, versteht es eben nicht. Wer es gar machen will, hat es nie gesehen. Man kann immer nur vergangenes Volkstum nachmachen. Aber nachgehen kann man den lebendigen Quellen des Volkstums, fließen sehen kann man es, wenn es fließt. Das Volkstum kommt über die Menschen, wenn die Stunde da ist. Es kann gerufen werden, wenn es nahe ist. Volksbildner sind nicht absichtssichere Kunstgewerbler, sondern Propheten oder überwältigte Künstler. In meinen Büchern lebt es, sagt man mir zu meiner Freude. Es lebt 101