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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 103

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 103)
Language
German
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geriet; auch wenn in der nächsten Bank noch bequemer Platz war. Vielleicht nicht bloß deshalb, weil er an die Schnupftabakdosen dieser Bank gewöhnt war; aber auch deshalb, denn da sich die Menschen in der Kirche keine andere fühlbare Liebe erweisen können, so müssen sie es mit der Dose tun, die heimlich von Hand zu Hand geht. Vom Gottesdienst verstehen die Kirchgänger nur noch die großen Züge. Die Liturgie, d. h. das Volkswerk, ist Hierurgie geworden, d. h. ein Werk, für das ein besonderer, studierter und geweihter Stand da ist und an dem das Volk nur durch Dasitzen und Dabeisein teilnehmen kann; durch Mitbeten, wenn man das mühsame Studieren in den Gebetbüchern ein Mitbeten nennen kann. Trotzdem empfangen die Leute im Gottesdienst noch eine starke volkbildende Kraft aus dem feierlichen Beieinandersein. Kirche und Volkstum haben für die Neusorger noch nicht allen ursächüchen Zusammenhang verloren. Es ist noch viel Zusammenhang aus Großväterzeit ererbt. Was unser Pfarrer verkündet auf der Kanzel und tut auf dem Altare, das ist noch keine religio depopulata. Wird es auch nicht sein, solange Bauernsöhne wie er die Mehrzahl im Klerus bilden und, wrenn sie auch über alle Höhen des philosophischen und theologischen Studiums gehen mußten, doch in der Praxis wieder in den Bann des Volkstums geraten. Es ist aber eine Wandlung unterwegs. Nicht mehr das volkreiche Land schickt die meisten Kandidaten der Theologie und der Seelsorge zu, sondern die Großstadt, wo viele Menschen sind und wenig Volk. Der Sohn der Großstadt wird dem Volke nicht mehr erscheinen als sein eigener, geweihter Teil, sondern ganz als Sendling einer Kirche, die verehrungswürdig aus der Ferne kommt, vom Himmel her, wie die Geistlichen sagen. Dann kann sich auch für Neusorge die alte Prophetie von der religio depopulata erfüllen. Volkstum ist eine Gnade, die sterben kann wie alle Gnaden. Sie ist eine gratia gratis data: Nur o ~ wer sich ihrer freut und dankbar ist für sie, empfängt sie und kann sie weitergeben. 103

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