Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr durch dieselbe Tür, durch die nun die jüngeren Besitzer schreiten. Die Alten wissen, daß sie sich mit den Jungen nicht in Frieden vertragen können. Sie haben Lebensweisheit genug, um zu wissen, daß die Liebe und der Friede Entfernungen brauchen. Die Kinder sind in allen Höfen daheim, tummeln sich auf allen Wegen und Steigen, wundern sich höchstens, wenn sie einmal von einem Fleck vertrieben werden; - die Männer und Frauen beschränken sich streng auf ihr Haus, auf ihre Äcker und Wiesen; - die alten, greisen Menschen bergen sich in ein Hüttlein, das nicht allzuviel größer ist als ein Sarg. Heute stehen die Ausgedingehäuslein und die Ausgedingestuben von IVeusorge alle leer. Die Häuslein stehen wie Ruinen da; ihre Strohdächer vom Wind zerfetzt, ihre unteren Balken verfault, so daß sich das Dach immer mehr senkt. Oder sie werden als Pferdestall, Geräteschuppen benutzt, dienen auch als Schlafraum für die Kinder; die Ausgedingestuben ebenso. Ich muß oft darüber nachdenken, denn vor meinen Fenstern steht die Ruine des Ausgedingehauses unseres Nachbarn. Lange Zeit sind sie nie von denen, die in ihnen den Feierabend ihres Lebens verbringen wollten, bewohnt worden. Lange Zeit beherbergten sie Mietsleute, unstete Männer, zarte, gebrechliche Frauen, von irgendwoher. Die Neusorger dürfen sterben, sobald sie ihre Arbeit getan und ihren Acker einer jüngeren Hand anvertraut haben. Niemand baut sich heute ein Ausgedingehaus, als ob alle die letzten Besitzer ihres Grundstückes zu sein meinten. Oder die alte Furcht vor dem Unfrieden mit den neuen Besitzern hat ihre Kraft verloren. Die alten sind zufrieden mit einem Stüblein im großen Hause und gehen durch dieselbe Tür wie die Kinder und die Großen. Schnelle Schritte, bedächtige Schritte, mühsame Schritte überschreiten die Pflastersteine vor der Tür. Wäre dort ein Uhrwerk angebracht, so müßte das Zifferblatt drei Zeiten zeigen. Ich sah einmal als Kind unseren Nachbarn den Wassersteig entlang rennen. Das war mir etwas ganz Ungeheuerliches, einen Mann rennen zu sehen. Und lange mußte ich nachdenken, warum die natürliche Fortbewegung der Kinder das Hüpfen, Springen und Rennen, die der Erwachsenen der bedächtige, breite, schwere Schritt, die der Alten aber fast ein immerwährendes Stehenbleiben sei. Der Kindertag dauert zwischen Aufstehen und Schlafengehen nur zwölf Stunden, ist aber ewig; ewig lang die Sommer, ewig lang die 100