Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 99)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie finden sogar den Weg in das Haus des feindlichen Nachbarn, wenn etwas zu bestellen ist. Die Großen sind böse aufeinander. Die Kinder achten es nicht; sie sind gut zueinander und stoßen heranwachsend die ganze Decke der Feindseligkeit durch. In der Redeweise der Neusorger findet sich der Ausdruck: „Um der Kinder willen" so häufig, daß gar kein anderer Beweis dafür notwendig ist, daß die Kinder das Leben des Volkes wesentlich bestimmen. In der großen Welt gibt es tausend Ziele, um derentwillen die Menschen leben und arbeiten, wissenschaftliche, wirtschaftliche, religiöse. Der Neusorger Bergmann weiß ganz gut, wie wirtschaftlich-notwendig seine Arbeit ist, aber er geht nicht etwa an seine Arbeit, um die deutsche Wirtschaft aufrecht zu erhalten, sondern um seine Kinder zu ernähren. Da ist er ganz frei von allen Idealismen. Das Leben des Volkes unterscheidet sich vom Leben eines einzelnen Menschen, indem jenes quer, dieses längs geht; in diesem Kindheit, Jugend, Freiertum, Mannesalter und Greisenalter nacheinander, in jenem nebeneinander. Man hat zwar auch dem Leben eines Volkes dieses Nacheinander anzudichten und anzubeweisen versucht; beim Neusorger Volke merke ich nichts davon. Da schreit und strampelt es in den Wiegen und Kinderwagen genau so wie vor vierzig Jahren; da geht früh um halb sieben oder im Winter eine Stunde später bald hier, bald da ein Grüpplein Kinder in die Schule, genau wie vor vierzig Jahren; nein, es geht nicht, es steht beieinander, rennt ein Stücklein vorwärts, springt über den Straßengraben und wieder zurück, galoppiert, wartet auf ein Nachkommendes; da schreitet mit schwerem Schritt der Mann daher, da bleibt der Greis in Atemnot ein wenig stehen. Immer noch wie vor vierzig Jahren schläft das Kindervolk in der Kammer oder in einem Bodenverschlag, die Eltern in der Wirtschaftstube und die Ausgedingeleute in dem Ausgedingehäuslein neben dem großen Hause. Nein, ganz so ist es nicht mehr. Vor etwa sechzig bis achtzig Jahren wuchsen neben den Wirtschaftshäusern die winzig kleinen Ausgedingehäuser auf, nicht ganz nahe, sondern meist ein hübsches Stücklein weg; oder wenn ganz nahe, so doch mit besonderem Eingang. Das ist mir immer eine innerÜche Plage, wenn ich diese Häuslein sehe, soviele ihrer noch stehen. So klein sind sie. Nach einem Leben voller Arbeit, die immer die Scheuern und Ställe erweiterte, kommen die Auszügler auf einmal aus mit einem solchen winzigen Häuslein. Ihr Leben hat Platz darin. Es will aber nicht 99