Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
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gegenüber bedecken sie die Zartheit, mit der sie zu ihrem Mädchen und deren Eltern sprechen, mit Frechheit. Je frecher sie sich äußern, desto sicherer meinen sie ihr Geheimnis zu schützen. Wohl halten es keineswegs alle bis zur kirchlichen Trauung aus, aber* in den meisten Fällen ist das „zur Jungfer Gehen" keineswegs ein Drauflosgehen, sondern eine Schamhaftigkeit, die erst in der Selbstvergessenheit endet. Hinter dem erwählten Mädchen steht immer noch die schützende Gewalt der Kirche, die viel stärker ist als die Wachsamkeit der meistens verwunderlich gutmütig vertrauenden Eltern. Der Weg zueinander wird freilich oft immer noch zu schnell gefunden, aber er ist siebenmal länger als bei den Menschen, die nicht mehr zum Volke gehören. Immer erscheint mir der Gedanke an den neuen Hausstand allen anderen voranzustehen. „Wir wollen unsere Päcklein (oder: Krämlein) zusammenschmeißen", das ist die Redeweise, mit der ein junger Kerl seine Absichten zu eröffnen beginnt. Uber diese Seite der Ehe wird gesprochen, über die andere nicht. Für das Wort geschlechtlich findet sich im Lexikon des Neusorger Volkes kein Dialektausdruck. Wenn es gebraucht wird, merkt man ihm seine Herkunft an, nämlich die Zeitung oder irgendein populärwissenschaftliches Buch. „Ich habe dich heb66, das klingt wie fremde Einfuhr; „Ich bin dir gut", das ist von daheim. Wenn man wissen will, wie das Volk in der Liebe ist, darf man nicht hören, wie es über die Liebe spricht - da sind die Ausdrücke oft frech sondern man muß beobachten, wie es in der Liebe spricht. Das ist freilich eine Forderung, die schwer zu erfüllen ist. Wie das Volk in der Liebe spricht, versteckt sich wie die Vogelnester im Frühling; man sieht sie erst, wenn ihre Wunder vorüber sind. Auch das Kinderkriegen vollzieht sich noch in der Welt, die keine Worte hat. Noch ganz ohne literarischen Einschlag. Der Neusorger sieht alle diese Dinge nicht mit den Augen der Dichter; nicht einmal schöne Wiegenlieder kennt er. Es geschieht ihm alles, und er beantwortet es mit Freude. Wo ein Acker ums Haus ist, werden Kinder gern gesehen. Viele Kinder! Der Neusorger sieht in ihnen seine zukünftigen Helfer und Gesellen. Wo der Weg bis zum nächsten Kaufmann so weit ist, braucht man die kleinen Läufer. Tausend Arbeiten sind auf den Feldern, die auf die Kinder warten. Das erste Mädchen wdrd die Pflegemutter der nach ihr kommenden Geschwister. Es geht in Neusorge schlecht ohne Kinder. 98