Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823783--0102-2823908- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
waren. Hat er Nachtschicht, so muß er einen Teil des lichten Tages verschlafen. Der lebendige Zusammenhang der Arbeiten ist der Faden oder das Gewebe in den Händen der Frau. Die Neusorger Frauen sind fast alle von männlicher Zähigkeit und Entschiedenheit. Nicht, daß ihnen die Männer gehorchen müssen, aber horchen müssen sie auf die Frauen. Wenn der Mann sagt: „Meine Alte" - er sagt es schon, wenn sie noch jung ist - so klingt dies wenigstens ebensosehr nach Autorität, wie wenn die Frau sagt: „Mein Alter". Liebster und Liebste sind sie sich nur bis zur Hochzeit und bis zum ersten Kinde, und auch bis dahin vermeiden sie diese städtischen Ausdrücke in der Anrede; sie sprechen von „meiner Jungfer" und „meinem Kerl". Nach dem ersten Kinde reden sie sich mit „Vater" und „Mutter" an, und wer gut beobachten kann, merkt bald, daß es mehr als Anrede ist. Dem Manne tritt die Frau an Stelle der Mutter, sobald er nicht mehr im Hause der Mutter lebt. Die Mädchen heiraten sich gern Bergleute. Nicht bloß, weil ihnen die zu erwartende Invalidenrente nach Tod oder Unglück des Mannes wenigstens einen Notgroschen sichert; auch nicht nur deshalb, weil die Frau des zur Miete wohnenden Bergmannes ebenso wie die des Klein- Stellenbesitzers lange nicht so sehr Magd und Arbeiterin ist wie die des Groß- Stellenbesitzers - natürlich schützt sie diese Gründe vor -„ sondern wohl vor allem deshalb, weil Bergmannsehen gewöhnlich glückliche Ehen sind; ebenso wie Zimmermannsehen. In solchen Ehen liegt der Mann seiner Frau nicht den ganzen Tag „auf der Pelle"; Abschied, Gefahr, Vermissen, Sehnen, Wiedersehen, Verlust und Gewinn wechsein sich oft ab. Der erwartete und endlich heimkehrende Mann ist immer ,,ein Stücklein Bräutigam"; die erste Stunde nach der Heimkehr immer wieder „ein Stücklein Hochzeit". Der junge Kerl schämt sich zunächst vor seinen Altersgenossen, eine Jungfer zu haben. Weder Vater noch Mutter noch Freund dürfen es zunächst erfahren. Ganz langsam entzieht er sich dem Banne seiner Kameraden. Er geht Sonntags weite Wege, um in das Haus seiner Jungfer zu kommen. In glückseliger Unwissenheit um die geheimsten Lebensprozesse steht er ganz in der Gewalt des Lebensgeheimnisses. Er weiß nur, daß nun alles anders wird. Als die jungen Burschen noch frömmer waren - zu meines Vaters Freierzeit -, sprachen sie unterwegs gar manches Gebet, selbst wenn sie sonst nicht so gern beteten. Den Kameraden 97