Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
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mit dem anderen Volke. Auf Generationen vererbt sich Bergbau und Ackerbau in derselben Familie. Sechzig bis hundert Jahre sind die meisten Häuser von Neusorge derselben Familie zugehörig, auch wenn sich die Namen öfter geändert haben. Es „kauft" gewöhnlich der jüngste Sohn, weil die Mannesreife der älteren Söhne zu früh eintritt für den Zurücktritt der Eltern. Die älteren Söhne müssen sehen, daß sie in eine andere Wirtschaft einheiraten können — der sogenannte Kinderkauf ist billig; zum Kaufe einer anderen Wirtschaft reicht nie das Geld Oder sie lernen ein Handwerk und gehen in die Welt, oder sie begnügen sich mit dem knappen Bergmannslohn und ziehen zur Miete. Es ist aber kaum ein Streit zwischen diesen und jenen, da die Wirtschaften so klein sind, daß ihre Erträgnisse kaum der aufgewandten Mühe und dem „hineingesteckten" Gelde entsprechen und da die Vorteile des eigenen Heims auf eigener Scholle dem Lebensalter, in dem sich diese Dinge entscheiden, kaum erkenntlich sind. Der Sohn, der „kauft66, muß die Sorge für das Greisenalter der Eltern und oft auch noch „das Kreuz »der Familie66, irgendein gebrechliches Geschwister, übernehmen. Wenn es wahr ist, daß die ersten Kinder in der Familie noch alle Unausgeglichenheiten des Blutes ihrer Eltern ins Leben tragen, und daß erst vom vierten oder fünften Kinde an die Harmonie der „Zwei in einem Fleische66 erscheint - eine These, die gerade im Neusorger Volke oftmalige Bestätigung findet dann muß das Vorkaufsrecht des jüngeren Sohnes für die Bildung des seßhaften Volkes von großer Wichtigkeit sein. Sturm und Drang ziehen hinaus in die Welt, mit ihnen Höchstbegabung im Guten wie im Bösen; die ständigere, friedlichere Mittelqualität bildet das heimische Volk. Neusorge, wie auch alle größeren Dörfer ringsum, hat seit vielen Jahrzehnten die gleiche Einwohnerzahl festgehalten. Es ist nur ganz geringer Zuzug aus anderen Dörfern und Kreisen. Das Volk erhält sich aus dem Schoß seiner gesunden, klugen Frauen. Der Mann ist der Geldverdiener, Mensch ist die Frau, hörte ich einmal einen Nachbarn sagen. Nur bei den wenigen größeren Besitzungen ist der Mann Herr im Hause, sonst ist es die Frau, und der Mann nur draußen. Tage- und wochenlang muß die Frau oft allein das Haus behüten, die Felder bebauen, die Kinder erziehen. Der Mann ist nur Sonntags- oder Nachtgast. Selbst wenn er nachmittags von der Vormittagsschicht heimkehrt, ist er wie ein müder Gast; kann nur einige der Arbeiten verrichten, die für die Frau zu schwer 96