Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
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Sprache. Sie warten. Da steigt der erste der Nachmittagschichtler auf der Fahrt empor und tritt zu den wartenden Nachtschichtlern. Dann der zweite, der dritte. Ein Meer von Lichtern wird in dem dunklen Talgrunde. Einige Minuten lang wogt es hin und her. Es gibt viel zu bereden zwischen den Bergleuten: Mitteilungen wegen der Arbeit, Mahnungen, Warnungen, alles in kurzen, aber freundlichen Sätzen. Ein Scherz mischt sich hinein, ein Spitzname verdrängt den Taufnamen. Diese und jene Bestellung wird erledigt, dieser und jener Auftrag erteilt oder vermittelt. Alles in der Zeit von 5-10 Minuten. So kurz und inhaltsreich ist selten eine andere Volksversammlung. Dann fahren die Angekommenen ein. Einer nach dem andern fährt in den Schacht. Die anderen aber dürfen heim zu Weib und Kind. Nach allen Seiten zerstreuen sich die Lichter, das Tal entlang, dem Dorfe zu, den Höhen zu; zuerst prozessionsartig, dann immer einzelner, immer einzelner, bis die ganze Landschaft wieder dunkel ist und nur von der Höhe zwischen Schlegel und Eckersdorf die herrliche Lichterstadt leuchtet. Der Bergbau in diesem Randgebiet des Waldenburger Grubenbezirkes verändert das Bild der Landschaft nicht so stark wie in Waldenburg selbst und wie in Oberschlesien. Die am Tage graue, in der Nacht lichtfunkelnde Stadt auf der Höhe ist eher wie eine Krone der Landschaft als wie eine Decke, die sich über das ganze Gebiet breitet. Und der Neusorger Luisenschacht im Langen Grunde zeigt zwar die ganze Nüchternheit industrieller Anlagen, versteckt sich aber so heimlich zwischen dem hohen Rande und der Erlenreihe am Bächlein, daß man ihn kaum bemerkt. Lange Zeit stand sogar eine einladende Bank vor seiner Tür, und gar mancher aus Dorf und Stadt suchte schon diese verträumte Einsamkeit auf, die dort während der Schichten und an Sonntagnachmittagen herrscht. Die Landschaft gehört dem Grundbesitz, freilich dem allerkleinsten, an dem auch der Bergmann seinen Anteil hat. Aus lauter schmalen Felderstreifen, in buntester Abwechslung von Farbe und Frucht, besteht die Neusorger Landschaft und stellt sich als eine Übersetzung des Neusorger Volkes in die Sprache des geographischen Bildes dar. Viel stärker wirkt der Bergbau auf die innere Bildung des Volkstums. Die erste Einfahrt in die Grube, der erste Weg die dunklen Gebirge hinab, das erste Krümmen des Rückens in den niedrigen Stollen, der erste Anblick der Schrecken und Gefahren, der unheimlich lastenden 94