Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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auch auf den Äckern und Wiesen: sie bauten sich die Leitung selber. Einer half dem andern die Löcher für die Masten ausheben, und willig kamen ihrer sechs bis acht zusammen, um die schweren Masten aufzurichten. Manch gutes Wort wurde dabei ausgetauscht. Keiner nahm sich heraus zu befehlen, aber alle folgten gern. War ein Befehl notwendig, so kam er wie aus aller Munde. Das war die schönste Zeit für das Neusorger Volk. Es war noch Inflation im ganzen Lande, aber die Neusorger haben damals ihr Volkstum in Gold geprägt. Nur ein Nachbar schloß sich aus. Er wollte weiter seine Petroleumlampe brennen. Gerade er ist einer der Treuesten im Neusorger Volkstum. Der alte, längst invalide Bergmann nimmt an allem, was den Neusorgern passiert, lebhaftesten Anteil, der bald den Stempel der Neugierde, bald den des schnellen, tatkräftigen Helfens trägt. Hätten wir eine Post, sie müßte bei ihm sein. Andere Zusammenkünfte sind Standesversammlungen. Zu allen Häusern gehört eine Ackerwirtschaft von etwa 6 bis 40 Morgen; von der Acker- und Vieh Wirtschaft leben können aber kaum zwei Häuser. Die Männer treiben daher fast alle noch Nebenberufe: Viehhandel, Zimmerhandwerk, Fuhrgeschäft, Steinbruch, Bergbau. Mehrere Jahrzehnte hindurch bildeten die paar Viehhändler das Schwergewicht. Sie jagten in der ganzen Grafschaft herum, besuchten sogar die schlesischen Märkte, wußten am meisten und waren lange Zeit die einzigen, die Post bekamen. Aber da auch die anderen Kühe im Stalle hatten, hier und da eine alte Kuh verkaufen und eine neue einstellen mußten, brauchten sich alle gegenseitig, und die Viehhändler kamen bald zu einer gewissen inneren Regierung des ganzen Volkes, hatten aber immer etwas Fremdes an sich und unterschieden sich stark von den heimischen Bergleuten und den Zimmerleuten: jene immer unstet, in allen Wirtshäusern daheim, aber bald reich, diese, obwohl sie auch in Nachbardörfern und Nachbarlandschaften ihrer Arbeit nachgingen und von dort manches Geschichtlein mitbrachten, doch immer daheim, stet, arm. Da wurde der Einfahrtschacht im Langen Grunde, der Zugang zu einem bisher von der Johannes-Baptista-Grube hinter Schlegel befahrenen Tonflöz Mieder eröffnet. Das unterirdische Neusorge trat ganz stark in das Bewußtsein der Neusorger, diese Lager des seltenen, feuerfesten Tons, die sich unter fast allen Neusorger Wirtschaften quer hindurchziehen und den Neusorgern lange Zeit eine feste, jährliche Einnahme, 92