Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 90)
- Language
- German
- Belongs to
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gehört die Versammlung wie das Schreien zum neugeborenen Kinde. Wo soll sich das Neusorger Volk versammeln? Auf dem Platze unter der Linde? Auf der Wiese? Einen Platz unter der Linde haben wir nicht. Neusorge ist entstanden durch Ankauf der einzelnen Äcker von alten Gutsherrschaften. Jeder kaufte seinen Acker. Wer hätte einen Platz für alle kaufen sollen? Und Acker und Wiese jedes Einzelnen sind so karg bemessen, daß keiner auch nur einen Quadratmeter einbüßen kann. Das ist nicht Geiz. Jeder Halm der Wiese gehört dem lieben Vieh, und wir Menschen haben kein Recht, mehr Halme zu zertreten, als auf dem schmalen Steige wachsen. Der gegebene Ort zu Versammlungen wäre die Kirche. Weit genug wären ihre Hallen. Aber sie ist heilig. Und der Unterschied zwischen heilig und weltlich ist so stark betont, daß es die Neusorger offiziell nie wagen würden, in der Kirche miteinander zu reden. Inoffiziell, wo sie es wirklich nicht tun sollen, bei der Predigt und dem feierlichen Gottesdienste, tun sie es manchmal. Das halten sie für ihr Recht. Das Volk muß sich versammeln. Weil dies aber immerhin eine kärgliche Wahrnehmung ursprünglichsten Rechtes und eine ganz ungenügende Erfüllung innerlichster Notwendigkeit ist, versammelten sich die Neusorger mit den Schleglern gern vor der Kirche, an einem gegenüberliegenden Wirtshaus, und blieben, früher wenigstens, manchmal gern länger dort stehen, als es mit der Gottesdienstordnung vereinbar war. Niemand erkannte in dieser Unsitte das alte Recht und die immerwährende Notwendigkeit. Man wollte die Leute alle einzeln in der Kirche haben. Jeder Versuch, sich als Volk zu behaupten, wurde vereitelt. Das was Volk ist in den Menschen, wurde wie ein Vogel, der von einem Baum zum anderen verjagt wird. Da blieb zuletzt noch das Wirtshaus, d. h. für die Neusorger die Schmiede. Wohl, wohl, sie hätten sich auch eine ihrer Scheuern auswählen und einrichten können, um dort zusammenzukommen. Aber wo das Volk ist, will es auch zusammen essen und trinken können; muß es auch, einer dem andern, einmal aus Liebe etwas zum Essen und Trinken geben können. Als das neue Volk Israel w^irde, die Plebs Dei sancta, es war in einem Speisesaale, es war bei einem Nachtmahl, da hat ein großer Meister des Lebens gezeigt, was notwendig ist zur Volkwerdung. Die Agapen der ersten christlichen Zeit sind in dieser Bedeutung noch gar nicht richtig erkannt. Als man sie wegen einiger Mißbräuche abschaffte, hatte 90