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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 89)
Language
German
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Das Neusorger Volk war aber, auch abgesehen vom Dorfschulzen und dem Gebotszettel, weit davon entfernt, für sich allein Volk sein zu w ollen. Wenn es sich Volk nannte, meinte es nur den Ort, wo es eingereiht werden wollte, den Stand, dessen es sich mehr unbewußt als bewußt freute, die Arbeiten, Leiden und Freuden, an denen es teilnahm, den Raum, in dem es nicht allein sein wollte, den Ring, der es umschloß, und zugleich die Brücke, die über die Krähenhübel, über den Kirchelberg, über die Roterlehne und über den Buchauer Kanonenweg oder Grenzweg hinüberführte zv anderen Dörfern und Ansiedlungen, ja auch über die Eule, über die Hausdorfer Berge, über die Tuntschendorfer Höhen, über Heuscheuer und alle anderen Gebirgszüge hinweg zu anderen Landschaften, so weit, als das Neusorger Volk hoffte, daß seine Sprache, seine Not und seine Lust dort verstanden und beantwortet werden könnten. Viel leichter hätte es der Gefahr erliegen können, sich selber als eine bloße Summe von dreizehn Ansiedlungen und etwa sechzig Menschen anzusehen und in soviel Teile zu zerfallen. Aber wenn es regnete oder schneite, regnete und schneite es über alle ihre Felder; wenn ein Gewitter kam, hatten alle den Gedanken, daß es in Neusorge leicht einschlagen und brennen kann, und die Männer zogen sich ihre langen Stiefel an und dachten nach, wo Leiter und Feuereimer stecke, zunächst freilich für das eigene Haus, aber fast gleichzeitig für alle Neusorger Häuser. Und solcher Augenblicke, in denen die Summe immer wieder zur Eins wurde, gab es ebenso zahlreiche, wie das Leben reich ist an Schicksalen. Wenn jemand in Neusorge verstorben ist, sagen die Neusorger: ,,Es ist wieder eins von uns da draußen gestorben/4 Wenn sie mit ihm zu Grabe gehen, so kann dies zwar wie in Städten, in denen kein Volk mehr ist, reine Höflichkeitssache sein, aber ich hatte oft den Eindruck, daß es mehr Anteilnahme am Tode war. Und wenn die Männer dann „ein bißchen" in die Schmiede gingen - unser Schmied war zugleich Gasthausbesitzer —, und wenn sie laut und lustig wurden, meist bis zum Ende ein einig Volk von Brüdern - vor eigentlicher Unmäßigkeit im Trinken bewahrte sie die Armut der einen und die Rücksicht der anderen auf diese —, so war es die verborgene Freude, daß sie nach ehrlicher Gemeinschaft mit dem Toten nun doch noch Gemeinschaft hatten mit den Lebenden. Ich muß ein gutes Wort einlegen für die „Schmiede4". Zum Volke 89

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