Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
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bildeten64 und bildeten sich ein, für das Volk da zu sein. Das konnte noch nicht gar zu lange her sein, denn sie brachten es noch nicht gut fertig, und wenn sie unter sich waren, zeigten sie dieselben Unarten wie wir. Wir dachten uns ihr Leben außerordentlich glücklich, weshalb in uns manchmal das Gelüste entstand, auch so glücklich zu sein wie sie. Sagen durfte es freilich keiner; er wräre gleich ausgesondert worden von uns, Wohl spürten wir manchmal eine gewisse Mißgunst, aber die Herrischen mußten immer besonders gedrechselte Worte sagen, mußten ihre Füße beim Gehen besonders zierlich stellen, mußten meist in Handschuh gehen, durften auch im Sommer nicht barfuß laufen, durften nicht springen und rennen, durften sich nie in Hemdsärmeln sehen lassen, lauter Unbequemlichkeiten, um derentwillen wir ihnen das Herrische gern gönnten. Aber wir schieden sie von uns, und da sie oft das Wort vom deutschen Volke in den Mund nahmen, mochten wir nicht viel davon wissen. Wir hatten keinen Stolz, Deutsche zu sein, aber wir hatten den Stolz, Volk zu sein. Wenigstens war dieser Stolz unser echtester und ursprünglichster. Den anderen haben wir erst in der Schule lernen müssen. In Neusorge gab es nur Volk. Es war nicht geschieden zwischen Regierende und Gehorchende. Denn regiert wurden wir von Schlegel aus, und gehorcht haben wir nur, wenn der Gendarm kam, was aber nur selten geschah, so selten, daß wir es gar nicht zum normalen Leben rechneten, sondern etwa so wie die Unglücksfälle und Verbrechen einrangierten. Wohl kam alle Monate einmal der „Gebotszettel64, der in schwarzem, mit einer Flügelschraube verschließbarem Rahmen auf ein schwarzes Brett gespannt war. Der ging still von Hand zu Hand, von Haus zu Haus. In dem Brett war ein Astloch, durch das immer, ehe der Gebotszettel zu uns kam, ein ungeschickter Finger gefahren war. Sonst passierte dem Gebotszettel nie etwas. Er gab die Höhe der fälligen Steuern an, schärfte die eine oder die andere Verordnung ein, teilte mit, daß auf der Freibank ein Rind geschlachtet und wie teuer das Pfund war, - auch wenn einer sein Portemonnaie oder eine ihre Brosche verloren hatte. Wir freuten uns, daß der Schulze im Dorf so schön schreiben konnte, und fühlten überhaupt mehr Liebe als Haß gegen den Gebotszettel. Er sagte uns mit ungeschriebenen Worten, daß wir doch nicht allein seien, wir dreizehn Häuser, sondern daß wir zu Schlegel gehörten und daß der große, patriarchische Zenkerschulze auch für uns seine schöne Handschrift schrieb. 88