Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSEPH WITTIG DAS VOLK VON NEU SORGE Als ich mich dem kirchlichen Dienste weihte, wurde uns über das Wort Clericus mancherlei gesagt, Etymologisches und Aszetisches. Mir klingt aber immer nur, und bis heute noch wehtuend, das Wort in der Seele: Segregatus a populo. Ich habe auf diese Deutung wohl mit einem wortlosen Gebet geantwortet, das in Erfüllung gegangen ist. Ich wollte mich vom Volkstum nicht trennen lassen, wollte es in priesterliche Weihe verwandeln und verklären lassen, aber behalten wollte ich es. Nur als Verwandlung und Verklärung, nur als ein Sterben zu neuem Leben hia mochte ich die segregatio a populo annehmen. In diesen Tagen dachte ich oft an ein Bild, das wir in der Kinderzeit an der Nordwand unserer Wirtschaftsstube in Neusorge hängen hatten. Die anderen Wände der Stube waren mit religiösen Bildern geschmückt. An dieser Nordwand hing der Spiegel mit dem Kammkasten und das Kaiserbild-, meines Erinnerns ein Steindruck. Im mittleren Oval war Kaiser Wilhelm I. dargestellt; in den Ranken und Medaillons ringsherum aber das Bauern-, Handwerker-, Arbeiter- und Soldatenvolk. Einst hieß es, der Kaiser habe Geburtstag. Da nahm ich irgendwelche Zier, Tannenzweige oder Weidenruten und wollte das Bild schmücken. Dabei betrachtete ich die Nebenbilder genau, und eines davon grub sich unvergeßlich in raeine Seele ein: Ein Schmied, ein Bauer, ein Handwerker und mehrere andere Männer standen zusammen und erhoben ihre Hände zum Schwur. Darunter stand: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Ich darf nicht sagen, daß an jenem Tage der Volksgedanke in mir entstanden ist, aber daß er schon da war und stark war, dafür war mir das Erlebnis jenes Tages ein Zeichen. Ich wagte die Hand nicht zum Schwur zu erheben, aber alles, was ich war und was ich hatte, tat den Schwur. In Neusorge gab es nur Volk. Da gab es keine „Herrschen", die gab es nur im Dorfe, und natürlich noch viel mehr in Neurode. Sie hatten ihre besondere Kleidung, ihre besonderen Sitten, ihre feine Sprache; sie aßen anders, ließen sich auch anders begraben; nur schlafen, dachten wir, täten sie ebenso wie wir. Sie wollten auch nicht zum Volke gehören. Nur zum „deutschen Volke46 wollten sie gehören. Sie nannten sich die „Ge- 87