Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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Greis erreicht noch eine dritte Station. Dies liefert den Schlüssel zur Eigenart der Lehre, die immer zwischen mindestens drei Generationen im Volke sich behaupten muß. Mehraltrig muß sie sein, um Jugend, Mannesalter und Greisentum zu umklammern und zu verfugen, um für die Geschlechter des Volkes die verbindliche Sprache der Gemeinschaft zu sprechen. Gültig kann nur die Lehre sein, die für Alte und Junge Sinn hat und Geltung. Gleichzeitig leben mehrere Generationen zusammen, eine jede geführt von ihren Sprechern, Helden und Vorkämpfern. Ermöglicht wird solche ungeheure Spannung zwischen Vater und Söhnen nur durch einen alle durchblutenden geistigen Strom, der immer stärker bleiben muß als jede einzelne, einährige Verkörperung, der immer noch Ungestaltetes, Werdendes, Zukünftiges und schon Gestaltetes, Gewordenes, Gebildetes dem gegenwärtigen Zeitalter entgegensetzt als Spora und Schranke zugleich. Die Lehre verfügt nie ganz über ihre Gefolgschaft wie die Führung. Der Führer kann ein Geschlecht einsetzen zum Tode, zur Auswanderung, zur Umkehr, zum Krieg. Er hat seine Leute ganz. Das bleibt der Lehre versagt. Nie aber darf die Führung alle Generationen des Volkes besitzen wollen. Als die Kriegführung 1918 mehr als dreißig Jahrgänge einsetzen wollte für einen Krieg, da versagten sich ihr die Knaben von 17 und 18, und sie sind es gewesen, deren instinktive Meuterei den Krieg zu Ende gebracht hat, sie allein. Alles andere an unserem Zusammenbruch war Spiegelfechterei. Die Lehre aber war in diesem Gigantenkampf einer Generation so ausgeschaltet wie noch nie in der Weltgeschichte. Nicht nur Journalisten, sondern alle Lebenden, Redenden, Schreibenden, Predigenden im Volke waren in den Bann der Zeitaufgabe geraten. Nie hat es einen solchen restlosen Einsatz des Geistes für den Tag gegeben. Die Jahrgänge 1869-1899 der deutschen Mannschaft - ob daheim ob draußen, ob fechtend oder denkend - waren in einem Siegeswillen zu einem Leib zusammengeglüht und zusammengeschmolzen. Kein Sparta, kein Rom und kein Venedig hat eine ähnliche Hingabe erlebt. Die äußerste Kraft politischen, geführten Gemeinschaftslebens ist hier leibhaftig geworden. Aber mit dieser eingenerativen, einährigen Leistung wurde das Gefüge dieses Reichs zugleich herausgerissen aus dem geschichtlichen Strom. Bar der Reserven des Geistes wie des Blutes, bar der Lehre, bar aller mehraltrigen Erneuerungsströme schien die Gestalt dem Tode verfallen. 67