Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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wo heute noch geheime Sehnsucht die blinde Natur durch die Lehre lösen und binden lassen möchte. Ergreift aber die Lehre ihre überzeitliche Aufgabe nun ganz, so wird sie der einzige Stamm des Menschengeschlechts durch die Zeiten, so werden die einzelnen blutmäßigen Geschlechter der Menschen nur die Zweige, dessen Wachstum dem Stamme Jahresring auf Jahresring zuführt, damit er der wachsenden Sturmgefahr eine wachsende Stammstärke entgegensetzen könne. Individuen, Seelen, Persönlichkeiten hatte der Lehrer bislang vor sich auf allen Stufen der Schulung. Führer, Repräsentanten, Verantwortungsträger, Krieger sah die Lehre nicht oder selten - und jedenfalls nicht ex professo - in ihnen. Es bedarf einer gründlichen Umschrift der Lehre, soll der Führer im Schüler und Hörer angesprochen werden und sich angesprochen fühlen. Ansprechen aber heißt schaffen. Die Lehre muß den Führer mit berufen, mit schaffen helfen, weil ihn leibliche Erbfolge nicht mehr hervorbringt. Auf der anderen Seite ist die Jugendbewegung als solche ohne dies Bündnis mit der Lehre dem übelsten Philisterium preisgegeben. Zwei Fragen muß sie lösen. Die Älterenfrage in der Jugendbewegung ist die eine wirkliche Frage. Keine Jugend erträgt es, daß die ihr entwachsenden Bundesglieder ihrer spotten und enttäuscht sind, ohne durch solchen Abfall selbst stutzig zu werden. Und das Versagen vieler Jugendbewegten im Beruf ist das zweite böse Problem. Der Jugendbewegte steht im Durchschnitt seinen Mann noch schlechter im Beruf als der Brotstudent. Hier klafft ein katastrophaler Widerspruch. Aber er ist nicht unerklärlich. Nur die Lehre, die den Träger von Aufgaben im Hörer anspricht, läutert den Traum des Jugendlichen, so daß er Kraft zur Bewährung, Kraft zur Verwirklichung gewinnt. Der Mensch selbst ist ja nicht einährig. Zwei Generationen gehört er selber an: Jugend und Alter. Ein Bruch klafft zwischen Jugend und Alter der meisten Menschen. Eben dies erlebt der Jugendliche, der in der Jugend vielleicht führte, bis zum Zusammenbruch. Wie weise ist es, daß die Sprache mit einem Lebensalter nur entweder Jugend oder Alter umspannt. Zu dreißig Jahren rechnet sie die Generation! Aber das Leben ist damit nicht gelebt. Zwei oder drei Menschenalter durchwandelt der Mensch im Lauf seines Lebens. Er begräbt den Geist einer Generation, der vorgeschichtlichen, muß ihn begraben und lebt in einen zweiten hinüber, und der 66