Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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schlechts. Jedesmal aber geht es um die Ansprüche, Rufe und Ideen einer Generation. Diese Generation dauert nicht etwa gerade dreißig Jahre, sondern in der Jugendbewegung mag ein Jahrfünft schon eine Wendung und einen Einschnitt bedeuten. Und in der Politik leben die Geister des „Freihandels", des utopischen Sozialismus uswr. oft ein Jahrhundert und mehr. Aber einährig, einer Generation verschrieben ist dieser Geist. Denn er tritt unbedingt auf, ohne Seitenbücke auf vorher oder nachher. Die mythische Zeit, wie sie heute gern, weil wiederentdeckt als Lrzeithaltung, genannt wird, wird in jedem Geschlecht neu geschaffen. Sie widerstreitet der astronomischen Zeit der Geschichte. Die geschichtliche Zeit geht ihren gesetzlichen Gang. Sie ist eine dauernde* gleichmäßige Zählweise. Man nennt sie deshalb Zeitrechnung. Aber sie erkauft ihre Kontinuität durch einen Mangel. Die geschichtliche Zeit gilt für alle, die nach ihr rechnen. Weil sie aber für alle gilt, die nach ihr bewußt rechnen, deckt sie nur die Lebenssphäre des Bewußtseins. Das Wesen des Bewußtseins aber ist immer ein abstraktes. Die sogenannte Zeitrechnung oder geschichtliche Zeit ist also abstrakt, um allgemein zu sein. Die mythische Zeit hingegen eignet nur der Gruppe, dem Stamm, der Gemeinschaft. Sie will mitgelebt werden. Ihr gehört nicht an, wer nach ihr zählt, sondern wen sie bannt, d. h. wer nach oder in ihr lebt. Die mythische Zeit kann je nach der Höhe des namen- und gestaltgebenden Helden, des Heros eponymos fünfhundert oder dreißig Jahre dauern. Schon Görres hat von ihr gesagt, die Welt des Mythus sei „zeitlos". Aber jeder Mensch, der gebildet lebt nach Urbildern, lebt im Mythos, in einer mythischen Zeit, auch wenn er außerdem bewußt in der allgemeinen, mathematisch-astronomischen Zeitrechnung sich einrichtet. Nur wirken heute viele Mythen gleichzeitig nebeneinander; wo in der Antike der Einzelne ganz und gar seinem einährigen Zeitgeist ausgeliefert war, durchdringen sich heute innerhalb der Gesellschaft viele Geister. Wir ziehen es vor, auch weiterhin von einährigem Geist zu sprechen. Denn wir besprechen eben keine historische Antiquität, wonach „mythisch" unvermeidlich klingen würde. Der Sache nach aber ist einährig ~ o und mythisch das gleiche. Und beides also steht im Kontrast zum allgemeinen Begriff der Zeitrechnung. Die einährige Zeit wird mit Herz und Hand bekannt und erzählt, die geschichtliche Zeit wird gekannt und gezählt. Die einährige Ordnung der Dinge fällt gleichsam nach unten 57