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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 56)
Language
German
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Blicken wir auf die Sippen und Stämme der Jungenschaften, so sehen wir hier das Urverhältnis einaltriger Gemeinschaften. Die Seelen dieser Knaben sind noch stumm oder fast stumm - abgesehen von der rein technischen Sprache. Ihre Gemeinschaft findet sich im Lied. Der Gesang ist die Vorstufe der Seelensprache, ist die Erlösung des sonst Stummen zum Mitsprechen. Sprache haben im übrigen in den Jugendbünden nur die Führer. Der Geist des Führers beherrscht die Mitglieder seiner Gruppe, und zwar je stärker die Gruppe lebt, desto ausschließlicher. Woher der Führer seinen Geist selbst hat, ist dabei gleichgültig, zufällig. Ein Buch, ein flüchtig erhaschter persönlicher Eindruck, eine Freundschaft mit einem Manne - ganz wrenig Reize genügen, um den Stil eines neuen Stammes, einer neuen Gruppe, wie in galvanischem Bade hervorzuprägen. Denn es genügt, daß diese Reize den Führer entzünden. Wird er begeistert, so gilt das für alle andern mit, die ihm folgen, auch ohne ihn zu verstehen. Begeisterung erzeugt ein Gefälle vom Begeisterten zum weniger Begeisterten, das diesen bindet und festkittet an das Begeisterungszentrum. Der Geist des Führers ergreift seine Gruppe, heißt also ebensogut : weil der Gott einen Führer ergriffen hat, deshalb umgreift diesen Ergriffenen alsbald eine Gruppe, die ihm die Last des Geistes tragen hilft. Aber diese Traghelfer haben nicht jenes direkte Geisterlebnis. Sie gruppieren sich um den, dem es zuteil geworden ist und der es ihnen vermittelt, um den Geisterbeschwörer, dessen Schwurhelfer sie sind. In der Jugendbewegung handelt es sich, wie gesagt, ja überwiegend um ein ganz fragmentarisches Geisterlebnis. Aber da wir hier in einer fast hemmungslosen Vorwirklichkeit oder Spielwirklichkeit sind, in der es nur um den täglichen Geist, noch nicht um das tägüche Brot geht, so genügen diese geistigen Flicken, Fetzen, Lappen, diese flüchtigen Funken und Eindrücke geistiger Art, um alle Wirkungen des Geistes auf die Begeisterten, alle Anziehungskraft der Begeisterten auf die von ihnen Betroffenen hervorzubringen. Und so spiegeln sich in den fast jedem Leser vermutlich aus eigenen Erfahrungen bekanntgewordenen Führungsproblemen der Jugendlichen die für die Erwachsenen wiederkehrenden politischen Führungsprobleme getreu ab. Der Unterschied ist der zwischen Vorspiel und Schauspiel; im Jugendlager geht es um den Geist des heranwachsenden Geschlechts, in der Politik um das Brot oder die Interessen eines herangewachsenen Ge- 56

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