Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Natur des Lehrers ist mehraltrig, die des Führers einährig; der Lehrer gehört immer mehreren Generationen an, aber keiner ganz. Der Führer gehört seiner Generation ganz an, aber keiner anderen. Im Führer sieht sich ein Jahrgang, eine Generation, ein Zeitalter in irgendeiner Hinsicht verkörpert. Der Führer ist also ausgeprägter als seine Gefolgschaft. Er wird die scharf ausgegossene Gestalt gerade dieser Richtung, gerade dieses Moments der Volksgeschichte. Gerade der Führer drückt das Siegel der Bestätigung unter sein Zeitalter. Dies Zeitalter trägt daher seinen Namen. Dafür aber wird er auch das Opfer der Geschichte. Diese hält ihn an dieser Stelle ihres Laufes ewig fest. Der Heros eponymos, der Held, der Führer gibt den Namen der rollenden Zeit; aber er gibt ihn für einen Augenblick, ein Ereignis, eine Entscheidung. Nur dieser Augenblick ist sein, dieser freilich auch ganz. Diese Stunde eignet ihm, er ist ihr Ereignis (Bismarck, Mussolini, Lenin). Aber damit ist auch über ihn entschieden, er kann nichts anderes, nichts weiter bedeuten als eben dies. Dies und nichts, gar nichts anderes, bleibt sein Teil. Die Gefolgschaft, die heute ihm zujubelt, muß und wird sich morgen einen neuen Führer suchen. Ohne Führer kann die Masse nicht leben. Dabei darf man nicht etwa nur an die großen politischen Führer denken. In jedem Zweige menschlicher Tätigkeit waltet eine ungeheure Sparsamkeit. Wo Wahn und Bahn der erste brach, folgt an und an der letzte nach. Alle Nachfolger eines Bahnbrechers sind im Sinne dieser Darstellung also Angehörige seiner Generation. Der Führer verformt alle ihm sich Nachbildenden zu Zeitgenossen seiner selbst. Solche „Typen"*, bald ernst, bald komisch, die einen acht, vier, zwei Jahrhunderte des astronomischen Kalenders entfernten Führer nachverkörpern, Spurfolger auf gebahnter Fährte, bilden weitaus die Mehrzahl aller Lebenden und bilden die Hauptmasse des von jedem von uns gelebten Lebens. Ein Franziskaner, ein Mediziner, ein Offizier verkörpern das dreizehnte, das neunzehnte, das achtzehnte Jahrhundert: denn ihr Führer hat damals dem Zeitalter das Gepräge gegeben. Der Begriff der Einaltrigkeit ist also rücksichtslos gegen den äußeren, bloß naturhaften Kalender. Das Entscheidende ist die Spurfolge auf gebahntem Gleise. Diese Spurfolge ist es, die Führer und Geführte als ein Geschlecht erscheinen läßt. Sie sprechen eine Sprache; sie sind eines Stammes. Denn im Führer hat sich der Gefolgsmann „den Helden erwählt, dem er die Wege zum Olymp sich nacharbeitet" (Iphigenie). 55