Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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ihm Gestalt gäbe. In der Führung hat dieser Kosmos sein Spannungselement. Allein diese Vereinheitlichung unter dem Leitwort Führung ist an sich ein ebensolcher Exzeß und Absturz aus der vollen Wirklichkeit, wie sie die ungemessene Zersplitterung in zahlreiche, wasserdicht voneinander getrennte Schotten (Kunst, Wissenschaft, Militär, Politik, Religion, Wirtschaft, Pädagogik usw.) des Vorkriegs- (und Nachkriegs-!) Berufsmenschen darstellt. Mit der Zersplitterung stürzte man in lauter Vergangenheiten, denn um vergangene, kaltgestellte Dinge handelt sich's bei jeder Isolierung. Heut flüchtet man in die bloße Tagesgegenwart. Als Rückschlag kann man diesen Vorgang hinnehmen und auch begreifen. Aber die Träger dieses Rückschlages begreifen nicht, daß sie damit genau so die Wirküchkeit zerschlagen wie ihre Väter. Stemmen muß sich gegen diese Einbildung durch den Führerwahn, wer sich einst gegen die Vervielfältigung in Fragmente durch den theoretischen Wahn stemmte. Dem Kreis des bloß politisierten Lebens verfallen, heißt die Wirklichkeit zu billig machen. Denn der Kreis ist immer Mechanik, ewiger Kreislauf, Gewordenheit und Gesetzlichkeit. Die moderne Gesellschaft taumelt geradewegs in diesen öden, mechanischen Kreislauf hinein. Man könnte dem Kreis entgegensetzen als Stichwort die Ellipse mit ihren zwei Brennpunkten, um die Unendlichkeit, den Widerspruch, die Unvollendetheit und Unberechenbarkeit des echten, ewigen Lebens anzudeuten. Nur an dem einen der beiden Brennpunkte der Ellipse dürfte dann das Wort Führung stehen. An ihrem zweiten Brennpunkte aber erscheint dann notwendig gerade das heut schier überrannte, vergeudete Wort: Lehre. Oder man könnte Wagrecht mit Senkrecht gegeneinanderstellen. Aber aus diesen bloß vorläufigen Bildern wollen wir Heber gleich heraustreten und hinübergelangen zu scharfer Erfassung des funktionellen Gegensatzes zwischen zwei Grundnaturen des Menschen, zwischen dem Lehrer und dem Führer in uns. Mehrere Naturen sind uns eigen. Der Einzelne sollte aber wissen, wann er kraft jener, wann er kraft dieser Natur handelt. Er kann sich jeweils entscheiden, ob er als Lehrer, ob er als Führer eingreifen soll in das gemeinsame Leben. Aber die Naturen des Lehrers und des Führers sind ewig getrennt, auch wenn wohl jeder Mensch beide in sich trägt. 54