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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 53

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 53)
Language
German
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schaft der Führung über alle und jede andere Geistestätigkeit erschrak ich. Wenn junge Pfarrer und junge Lehrer und junge Gelehrte sich für Führer halten oder von allen Seiten zum Führerbewußtsein angestachelt werden, dann ist die Lage dessen, der vor dem Kriege gegen Theorie, Schule, Abstraktion, Philosophie, Intellektualismus im Kampf stand, plötzlich grundstürzend verändert. Eine richtige Kehrtwendung muß er vollführen. Kein Auseinanderfallen von Geist und Stoff ist von der Jugend zu fürchten wie damals, als selbst die größten Vereinheitlicher Nietzsche und Marx noch bloße Hälften blieben. Gegenüber den Alteren hatte es sich darum gehandelt, die isolierten, einzelnen und vereinzelten Lebensgebiete und Tätigkeiten zurückzurufen in die eine ungeteilte Wirklichkeit. Der Gemeinschaftscharakter alles Denkens, der Funktioaswert selbst der Freiheit, die Zeitlichkeit selbst des steilsten Geistes galt es zu betonen. Die Nachkriegsjugend aber ist durch und durch politisiert. Sie kennt keine menschliche Beziehung ohne solche politische Phraseologie: Gruppe, Gemeinschaft, die Anrede mit Vor- und Zunamen, Fahrt, Bund sind an die Stelle der geheimen, scheuen, privaten und persönlichen Beziehungen getreten. Das Leben der Geschlechter, der Generationen ist entspannt und wird als naturhaftes Kräftespiel gewertet. Denn zahllose seelische Geheimnisse, Bedrängnisse, Süchte und Komplexe werden heut offen aussprechbar und ausgesprochen durch reine und unreine Geister. Unser Seelenleben gewinnt so eine Art gegenseitiger Durehsehaubarkeit, einer früher undenkbaren Halböffentlichkeit. Innerhalb dieses unerhört vereinheitlichenden Kommunismus wird Beruf, Studium, Liebe, Freundschaft, alles politisiert, d. h. als ein typisches, zweckhaftes Gefüge von Kampf- und Spielregeln angesehen. Der ernste Untergrund einer durchgehenden wirtschaftlichen Proletarisierung dieses Geschlechts verdoppelt das Verständnis für diese rücksichtslose Kämpferhaltung, mit ihrer Ausbeutung der Alten, ihrem Uberspielen der Gleichaltrigen, ihrer festen Lenkung der Jüngeren. Auf diesem Tummelfeld der gesellschaftlichen Kräfte gibt es an sich keine Autorität. Denn jede Autorität gilt als Partei, die ihr eigenes Interesse verficht. Es gibt an sich kein Unten und kein Oben. Der Erfolg sagt am Abend, wer morgens im Recht war. Dieser Kosmos wäre kreis- und kugelrund, ohne Ausrichtung nach irgendeiner Spitze, ohne Straffung, wenn nicht das eine Wort Führung 53

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