Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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EUGEN ROSENSTOCK LEHRER ODER FÜHRER? Zur Polychrome des Menschen 1. Die Berufe alle rufen heute nach Führern in ihren Reihen, nach starken Persönlichkeiten. Das Volk als Ganzes steht in einer schweren Führerkrisis. Und ein Niederbruch der Führung ist ein Kennzeichen der europäischen Gesamtlage. In der deutschen Jugendbewegung aber ist die Frage des Führers die Grundfrage aller Gruppenbildung und Gruppenspaltung durch zwei Jahrzehnte gewesen. Hier ist das Wort Führer zuerst überbetont worden. Von hier ist es eingeströmt durch den nachrückenden „jugendbewegten44 Nachwuchs auch in Berufe, denen solche Vorstellungen ferner hegen. Und in der Schulreformbewegung hört man von den Idealisten aller Richtungen gern die Redensart: der wahre Lehrer müsse ein Führer der Jugend sein. Dabei wird zu verstehen gegeben, daß ein Lehrer ohne diese Führerqualitäten lieber heute als morgen abzubauen sei. Und junge angehende Lehrer geben in Reden und Broschüren ihren glühenden Wunsch zu erkennen, in dem platonischen Verhältnis des Führers zum Geführten, des Hodegeten zum schönen Jüngling zu stehen. Diesen Wunsch begleitet öfters der Stoßseufzer, daß freilich diese Haltung des Lehrers nur ein oder zwei Lustren sich werde behaupten lassen. Hernach gälte es eben, entschlossen den Beruf des Lehrers an den Nagel zu hängen und etwas anderes zu werden. Denn ohne dies Führergeheimnis sei der Lehrerberuf schal und tot. So wird das Lehren abhängig gemacht, ja identifiziert mit dem Führen. Der Begriff der Führung überstrahlt die Teilbegriffe der einzelnen Berufstätigkeit. Das Leben der modernen Gesellschaft wird eben durch und durch politisiert. Und alles politische Leben läßt sich ja unter die Kategorie der Führung pressen. Es war in einer Nacht am Strande, als auch mir ein gerade vor der Staatsprüfung stehender Jugendführer so sein Lehrerideal beschrieb. Nun hatte ich mich zeitlebens für die politische Wertung des Geisteslebens, gegen eine fachlich abgegrenzte Pädagogik - mein Lehrer in Prima nannte sie vor uns höhnend nur: Pädachogik -, gegen eine abstrakte Psychologie aus philosophischer Schultheorie bemüht. Aber vor dieser Primitivierung der Politik, dieser hellenisch-neuheidnischen Alleinherr- 52