Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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draußen fiel gerade auf das Glas. Ich sah das Licht durch die geschliffene Wandung und das Wasser gehen. Ich sah die zahllosen Brechungen, die farbigen Linien, die vielfach abgestuften Schatten und Lichter auf dem Tischtuch. Angesichts der Fülle dieser Erscheinung befiel mich nun plötzlich eine quälende metaphysische Verlegenheit. Tausendmal hatte ich vor solchen und ähnlichen Objekten gestanden, und immer hatte mir die sinnliche Auffassung durch das Auge genügt. In diesem Augenblick genügte sie mit einem Male nicht mehr. Ich fühlte, es kam auf eine andere Art der Apperzeption an, auf ein geistiges Begreifen, ein Verstehen. Ich merkte, daß ich das Ding vor mir nicht verstand. Was ich an Peinlichem empfand, lag weitab von jeder Wißbegierde. Es war so, daß meine Welt an der Stelle dieses Glases eine schwarze Lücke hatte und ich an diesem Punkt geradeswegs in das Nichts hinaussah. Ich empfand die Verpflichtung, die Erscheinung mit dem einzigen geistigen Werkzeug (denn nur um ein solches durfte es sich jetzt handeln), das ich hatte, mir anzueignen; nämlich mit dem Verstand; d. h. ich fühlte mich mindestens Verpflichtet, die Erscheinung mathematisch und physikalisch nachzurec/mezi. Zugleich ward mir aber klar, daß dies erstens unmöglich sei und daß es zweitens immer noch nicht zu dem „Verstehen", das mir auferlegt war, führen würde. Der Vorgang endigte damit, daß ich das Glas ergriff und mir aus den Augen stellte. Aber noch geraume Zeit stand ich unter der Pressung einer tiefen religiösen Scham, einer Art von Schwindel- und Schuldgefühl, weil ich dieser Erscheinung nicht gewachsen gewesen war. Ich fasse dieses Erlebnis so auf, daß in ihm der besondere Anspruch des erwachenden Geistes deutlich hervortritt; zugleich aber auch so, daß sich in ihm das fehlerhafte Angreifen des Geistes zeigt, welches notwendig zum Mißerfolg, d. h. zum Nichtverstehen der Verbindung Geist- Stoff und zu ihrer Mißbilligung seitens des Geistes führen muß. Ist diese Ausgangslage einmal gegeben, so kann der Geist seine hohe Abkunft nur noch darin bewähren, daß er mit den schärfsten Mitteln um seine Reinheit, also um die Aufhebung der Bindung an das Stoffliche ringt. Kein Kompromiß ist ihm dann mehr erlaubt. Er muß die Rückkehr antreten, er muß die Natur loslassen. Seine letzte Ehre kann dann nur noch im radikalen Zerstören bestehen. Daher die dunkle Schönheit und Würde, die im Zerstören hervortreten kann: es ist die letzte Tat, durch die der Geist seinen hohen Rang verteidigt. Soweit in dieser Lage 24