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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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also „Liebeshandlung" und Verstehensakt im ernstesten Sinne ist; eine Anforderung, der wir alle nicht oder nur mangelhaft gewachsen sind. Selbst in jenem höchsten Falle, in dem ein Lieben, das die Fremdheit der ganzen Welt überwinden wollte, geradeswegs zum freiwilligen Opfertod wurde, ging es nicht ohne Angst ab. „Es ward aber sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde.44 Die Angst ist nicht zu umgehen, wo es sich um die Uberwindung der äußersten Fremdheit handelt: der größten Liebe muß die größte Angst vorausgehen. Aber von Ihm wurde die größte Angst als Durchgang zur größten Liebe erkannt und durchlitten; das ist der Kernpunkt, auf den es hier ankommt. Der Ablauf war, wie immer; aber die Folgerung aus der Angst ward beispiellos richtig gezogen. Seitdem ist das eigentliche Beschwörungszeichen der Angst das Kreuz. Es wiederholt ewig: Liebe tötet die Angst. Kleine Liebe tötet die kleine Angst. Große Liebe, die selbst vor der buchstäblichen Hingabe des eigentlichen Lebens nicht zurückschreckt, tötet die große Angst. Das wird auf niederen wie auf höheren Ebenen erfahren. Zwischen der Tiefe und der Höhe steht die Angst mitten inne. Z wiege- D Ö staltig weist sie auf die unteren und auf die oberen, göttlichen Schichten unseres Wesens. In der Angst vollzieht sich die Auseinandersetzung der beiden Welten, denen wir angehören; und zwar wird diese Auseinandersetzung stets, auch beim Verbrecher, durch einen Anruf der göttlichen Stimme in Fluß gebracht. Insofern ist Angst die eigentliche Bestätigung, ja die plastische Darstellung der menschlichen Situation. Sie ist die zentrale Erscheinung unseres Lebens. Sie teilt mit gewissen leiblichen Erkrankungen die Eigenschaft, heilende Krise, Abbau einer vorher bestehenden pathologischen Lage zu sein, nicht Krankheit „an sich*4 (wenn es das überhaupt gibt). Am klarsten von allen seelischen Erscheinungen weist die Angst darauf hin, daß menschliches Leben keine naturgesetzliche, sondern eine tragische Harmonie ist. Wir müssen die Angst anerkennen; denn Angst hat ein Ziel: sie hat unsere Erweckung und Verwirklichung, unsere Wiederherstellung und Ernüchterung, sie hat uns zum Ziel. 2. Jugendliche Todlust In jenen Jahren hatte sich eine erste echte Religion in mir ausgebildet. Sie war finsterer und bedrückender Art, daneben vage und wenig zu Bildern und Namen geneigt; eine panisch geartete Frömmigkeit, wie 19

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