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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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mir schien, die mir in der Hauptsache als metaphysische Anfeindung meines Lebens und des Lebens überhaupt fühlbar wurde. Das erste echt religiöse Gefühl, dessen ich mich erinnere, ist das einer unerträglichen Bedrohung durch göttliche Widersacher; seinen mythologischen Widerschein fand es in den alten Religionen Vorderasiens. Dazu gesellten sich Anklänge an die Pan-Vorstellungen der Spätantike; auch die Gestalt des Dionysos Zagreus wurde mir persönlich wichtig, wie ich denn mit ungelenker Hand alle mythologischen Vorstellungen aufgriff, in denen sich das Leben zu brechen, zu verneinen schien. Ich nenne diese Religion „echt", weil mich mindestens jene göttliche Erbitterung gegen das Leben persönlich sehr stark anging. Uber meine eigene Exponiertheit konnte kein Zweifel herrschen. Sie war so, daß ich täglich Verzweiflungsstunden mit stockendem Atem und tödlicher Vereisung meines Innern durchlitt. Der Inhalt dieser Verzweiflung war, daß ich ein individuelles, ein besonderes und geformtes Dasein lebte, welches der „Gott" nicht dulden konnte, ja, das ich selbst als durchaus unerlaubt und denkerisch unmöglich verwerfen mußte. Man war verpflichtet, sich völlig und buchstäblich dahinzugehen; man „sündigte", indem man in seiner bestimmten Form verharrte. Wirklich war nur der endlos kreisende Weltwirbel; das Recht auf eine eigene, abgetrennte Existenz mußte ich mir selbst absprechen. So mußte ich alltäglich stundenlang ohne meine eigene geistige Ermächtigung weiterleben. Es ist unter Umständen möglich, eine Zeitlang ohne den eigentlichen Affekt zum Leben auszukommen. Aber die vollkommene Ablösung des Geistes vom eigenen Leben schafft eine schlechterdings unerträgliche Situation. Akte einer geistigen Billigung müssen jedes Leben begleiten. Es läßt sich denken, daß der Geist das Leben aktiv bekämpft, wie es beim Buddhisten geschieht. Aber unhaltbar wird die Lage, wenn der Geist das Leben nicht mehr versteht: denn der Geist, der das Leben wirklich nicht mehr versteht, hält es in der Bindung an den lebenden Leib nicht aus; ihm ist diese Bindung ja nicht bloß qualvoll und ärgerlich, sondern unmöglich, ja noch mehr: un-wirklich, nichtseiend und vernichtend. Beim Auslassen aller geistigen Anhaftungen an das Leben, beim Aufhören der letzten geistigen Sanktionen des eigenen Daseins wird der Mensch zum realen Gespenst: zwar bewohnt der Geist noch seinen Körper, aber dieser Körper ist infolge des Zerschneidens aller inneren Zusammenhänge reine 20

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