Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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nämlich, wo ein Wesen auf einen großen Lebensraum angelegt ist und trotzdem von der Ich-Befangenheit nicht loskommt. Ist die Angst die Folge eines Versagens, ja einer Sünde, so ist sie zugleich eine Art von Auszeichnung; denn sie besagt, daß an diesen Geängsteten Ansprüche ganz besonderer Art gestellt sind; Ansprüche von einem Ausmaß, das ein Versagen zunächst fast notwendig nach sich zieht. Angst ist das Anzeichen einer Berufung zu besonders breitem Lebensraum. Sie ist die Verkündigung eines größeren geistigen Schicksals. Sie gehört mehr zur Pathologie des bedeutenden Menschen als des durchschnittlichen; sie ist eine aristokratische Krankheit. Vor allem ist sie eine vorwiegend männliche Krankheit. Der eigentlichen Weltangst dürfte die Frau nur sehr selten verfallen sein. Da der Frau gemeinhin die Welt durch Liebe bekannter ist als dem Manne, pflegt sie viel seltener als dieser unter der totalen Verfremdung zu leiden. Für den Mann aber ist die enge Bindung an das Ich der fast unvermeidliche Ausgangspunkt. Er verfällt daher unausweichlich der Angst, und zwar um so entschiedener, je bedeutender er angelegt ist. Das Weibliche an sich ist völlig angstlos, wreil völlig liebend. Das Männliche an sich ist lauter Angst, weil völlig unliebend, weit-fremd und ich-befangen. Das denkwürdige Menetekel der ungemischten Männlichkeit ist Heinrich von Kleist: der Angstmensch schlechthin, der große, sagenhafte, verehrungswürdige Erdulder der bedingungslosen Weltfurcht, der mutigste Feigling, der je gelebt hat. Auch Strindberg in seiner barocken Männlichkeit wird zu einem großen Zeichen für den innigen Zusammenhang zwischen Nicht-Lieben, Männlichkeit und Angst. Später wußte er: ..Tröstet euch also und seid stolz auf die Gnade, die euch allen bewilligt ist, die ihr von Schlaflosigkeit, Alpdrücken, Erscheinungen, Angstzuständen, Herzklopfen heimgesucht und gemartert werdet. Numen adest. Gott verlangt nach euch." Daher ist es recht gesagt, daß ein Weib dem Sokrates die Lehre vom Liebesverstehen der Welt verkündigt habe und daß das Ewig-Weibliche uns, die Männer, hinanziehe. Aller Angst liegt die Abwehr gegen die Aufgabe des Ichs zugrunde; aber alle Angst ist zugleich die Mahnung, das große Wagnis dennoch zu wagen. Letzten Endes ist alle Angst der Todesangst verwandt, weil Sterben der objektivste Akt jedes Wesens, totales Aufgeben des Ichs, 18