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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
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WILHELM MICHEL GESTALTEN DER ANGST 1. Angst Unter den großen Erweckerinnen des Menschengeschlechts steht in vorderster Reihe die Angst. Angst, d. i. Engegefühl, entsteht da, wo wir in die Enge getrieben sind. Das geht ganz allgemein so zu, daß etwas Fremdes auf uns eindringt und den Raum um uns, den wir kennen und beherrschen, verkürzt. Angst setzt also voraus, daß etwas Fremdes uns entgegensteht. So viel „Fremdes" ein Mensch hat, so viel Angst gibt es für ihn, abgestuft nach der Nähe oder Ferne vom Menschen, in der das Fremde auftritt. Angst sagt aber zugleich, daß diese Enge nicht sein soll; sie versieht das Engegefühl mit negativem Vorzeichen; sie bezeichnet es deutlich als unerlaubt. Angst ist also, einen Schritt weiter definiert, eine Mahnung, aus einer unzulässigen und unnotwendigen Enge herauszukommen; es gibt vielleicht kein Gefühl, das so deutlich das Stigma des Unschicklichen, des nicht zu Duldenden an sich trägt, wie die Angst. Wie geschieht aber das Herauskommen aus der Enge? Es geschieht so, daß das herandringende oder entgegenstehende Fremde in Bekanntes verwandelt wird. Fremd ist das, woran ich keinen Teil habe. Fremd ist das, was ich nicht verstehe. Da aber die große Kraft des Verstehen» die Liebe ist, ist alles fremd, was wir nicht lieben. Die Bibel hat für das, was wir in engerem Sinne den Liebesakt nennen, dasselbe Wort wie für das höhere Verstehen: Erkennen. Daraus ergibt sich: Angst ist die Folge von Nicht-Lieben; sie wird aufgehoben durch Liebe, weil diese das Fremde in Bekanntes verwandelt. Angst ist geradezu Strafe für Lieblosigkeit. Sie ist das Warnungszeichen, daß der Geängstete die Liebeserkenntnis nicht in dem Maße geübt hat, das ihm gebührt. Erst die ausgewirkte Liebe hebt die Enge auf und gibt dem Geängsteten den Lebensraum, der ihm angemessen ist. Der grüßte Liebende hat am wenigsten Angst. Angst ist daher die Krankheit der Ich-Befangenheit in allen ihren Gestalten. Sie ist aber auch die heilende Krise und die wegweisende o Erschütterung. Man darf nicht ohne weiteres sagen: Angst entsteht da, wo ein Ich sich auf sich selbst und seine nächste Umgebung beschränkt. o Ö Denn es gibt Wesen, sogar Menschen, die auf einen engen Ich-Raum angelegt sind. Angst entsteht vielmehr stets aus einer Spannung; da 17

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