Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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noch im Werden befindlichen Seele von den mechanisierten Außenbezirken reden. Die beiden seelischen Hauptmerkmale des zunehmenden Alters - das abstraktere, unsinnlichere Denken und das weniger unmittelbare Affiziertwerden von Gefühlen - verdeutlichen diesen Vorgang. Daß damit nicht eine Mangelhaftigkeit der Seele ausgesprochen wird, ist wohl selbstverständlich, jeder Zuwachs an normiertem Selbst bedeutet ja auch einen Gewinn an beherrschter Welt. Derjenige Weltanteil, der in uns zu normiertem Seelenbesitz, d. h. nichts anderes als Erfahrung, geworden ist, beraubt uns nicht mehr weiterer seelischer Möglichkeiten und bestimmt unsere weitere Seelengestaltung in der Richtung der Logik des Wirklichen, wenn - und da erhebt sich das Bildungsproblem in voller Größe - wenn unsere unaufhaltsam ablaufende Selbstverwirklichung in eine dauernde Wirklichkeit hinein geschah, wenn sie die Bewährimg der Wahrheit ist. Aber, wo sie es nicht ist, da hat es, wie mir scheint, wenig Sinn, die Seele durch die Hypothese der selbsterzeugten Fiktionen zum Betrüger ihrer selbst zu machen. Auch die falsche Erfahrung, die seelische Mißbildung muß auf die gleiche Weise entstehen wie die rechte, dadurch daß Schicksal, äußeres Ereignis im weitesten Sinne, und Lebenszeitort nicht zusammenstimmten, analog also den Mißbildungen unserer Experimente. Natürlich ist das Außen nicht als ein Jenseits der Körpergrenzen gemeint, auch im Inneren ist jeder Teilbereich der Entwicklung für den anderen ein Außen; schließlich ist alles „außen66, was nicht die reine Fortsetzung der historischen Linie des Ganzen oder eines Teiles davon ist. Bildung unterstellt sich uns demnach auf Grund der Entwicklungserfahrung dem alten Worte „jedes Ding hat seine Zeit". Aber unser Thema lautet ja „Glaube und Bildung66. Damit Bildung einen Sinn haben soll, muß es eine Wirklichkeit geben, in die hinein die Selbstverwirklichung der Seele geschieht. Dessen sind wir gewiß, aber ebenso gewiß sind wir oder werden wir unweigerlich, daß es eine Selbstvollendung in diese Wirklichkeit hinein nicht gibt. Das Faustproblem wird unter dem Himmel nicht gelöst. Immerhin, wenn der Glaube keinen anderen Wahrheitsgrund hätte als den, daß die Seele auf einem gefahrenreichenWege doch nie ans Ziel kommt, so würde mancher ehrliche Mann wohl lieber eine Fiktion nennen, was er verschmäht. Wenn Nietzsches Wort: „wenn es einen Gott gäbe, wie hielte ich's aus, nicht Gott zu sein66 nicht lauten 14