Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ersten Teil meiner These, die Behauptung, daß es keine existentiellruhende Individualität gäbe, verständlich zu machen. Daß dieser Prozeß der wachsenden Individualität, der zunehmenden Individualisierung, Normierung oder - um auch ein geschmähtes Wort zu Ehren zu bringen — der Technisierung der Welt durch das Leben im Einzelnen nicht mit der eigentlichen Entwicklungsperiode am Ende ist, das lehrt nicht nur die Seelengeschichte des einzelnen Menschen, es ist auch aus dem Rein- Stofflichen abzulesen. Unser Blut, unser stoffliches „milieu interne66 ist Träger eines bis zum Tode fortgehenden Prozesses zunehmender Individualität, Besonderung. Wenn man zwei Tiere in ihren Blutgefäßsystemen vereinigt, was überhaupt nur bei jungen Exemplaren gelingt, so werden sie mit fortschreitendem Alter nicht einander angeglichen, sondern entfernen sich voneinander stofflich immer mehr, bis ohne Zugrundegehen das verbundene Leben nicht weiter fortgesetzt werden kann. Und jede überstandene Krankheit, alles vom Stoff getragene oder im Stoff ausmündende Schicksal prägt sich dem Blute auf. Das Blut altert allgemein und es altert besonders in den besonderen Schicksalen seines Trägers. Und damit, wenn wir hier nun im Seelischen fortdenken, sind wir am entscheidenden, für unser Thema wesentlichen Punkte unserer Überlegungen angelangt. Das Leben als Geschichte, als Verwirklichung der Gestalt aus der Möglichkeitenfülle der Anlage läuft ab, die wachsende Individualisierung, Besonderung geht vonstatten, welches auch immer die äußeren Schicksale seien; aber welche Gestalt sich an ihm schließlich vollendet, das ist in seiner Erbanlage nicht allein vorbestimmt. Die Geschichte der Seele lehrt uns das Gleiche, nur wie mir scheint noch deutlicher als die der leiblichen Ausformung, die ja, äußerlich gesehen, nur die kleinere Zeit des Lebens durch währt. Von den ersten erlernten Herrschaftsleistungen des Kindes an, von dem Aufrechthalten, Stehen, Gehen und Sprechen bis zur höchsten Meisterschaft ist dieser Prozeß der Einbeziehung des äußeren Schicksals, der erfahrenen Welt in den unaufhaltsam ablaufenden Gestaltungsablauf der Seele im Gange. Jedes erlebte Schicksal aber hat seinen Zeitort in diesem Ablauf eingenommen. In dem Maße, wie sich die Seele in diesem einheitlichen Prozeß bereits ausgeprägt hat, in dem Maße ist individualisierte Welt oder — was das Gleiche besagt - normierte, mechanisierte Individualität zwischen das Außen und das 12