Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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organ von der Anlage des nervösen Zentralorgans auswächst, bildet sich der optische Apparat aus anderen Geweben, die Linse speziell aus der äußeren Haut. Die Umwandlung der Haut zur Linsensubstanz in dem Bezirk, auf den die Augenanlage von innen her zuwächst, geschieht, wenn diese ein gewisses Entwicklungsstadium erreicht hat. Entfernt man die Augenanlage vorher, so bleibt die Linsenbildung aus. Schneidet man rechtzeitig die betreffende Hautpartie aus und ersetzt sie durch Haut aus einer anderen Körperregion, so wandelt sich diese, wenn der bestimmende Grad der Augenentwicklung erreicht wird, ebenso um, wie es das ursprünglich dazu bestimmte Stück Haut getan haben würde. Entfernt man die Augenanlage in einem späteren Stadium, so geht die Umwandlung der Hautpartie zur Linse doch weiter. Die Entwicklungsforschung hat aus diesen und vielen ähnlichen Erfahrungen die unterscheidenden Begriffe der abhängigen und der Selbstdifferenzierung aufgestellt. Solange das, was im Fortgang der Formausbildung geschieht, vom Ganzen her, durch die räumliche oder funktionale Einheit bestimmt wird, so lange gilt die abhängige Differenzierung. Ist aber einem Teil seine Bestimmung schon zugeteilt, so differenziert er sich in sich selbst weiter, einerlei, ob er mit seiner Selbsterfüllung die ihm zukommende Bestimmung im Ganzen vollzieht oder nicht. Man kann einem Froschkeim eine Extremitätenanlage am Kopf einpflanzen, es wächst ihm ein Bein aus dem Kopf, obwohl der Frosch damit schlecht bedient ist. Im Anfange der Entwicklung ist alles abhängige Differenzierung. Noch ist die Schicksalsgemeinschaft nicht zur aufgeprägten Norm der Teilbildungen gewrorden; alles äußere Schicksal ist Schicksal des Ganzen, wird vom Ganzen her mit Wandel der Gestaltungsabfolge beantwortet. Im weiteren Fortgang zieht sich das eigentlich schöpferische Leben, das Reich des Ungeborenen, immer mehr in das Innere zurück, immer mehr Außenpositionen überläßt es der aufgeprägten Norm, der in sich selbst gegründeten Wirklichkeit. Es ist eine Art von Schöpfungsgeschichte einer Individualwelt, in der mit der zunehmenden Individualisierung, Normierung, Dogmatisierung - wie man es nennen will - der Welt der Schöpfer und Regierer immer mehr aus dem unmittelbaren Regitnente geht, immer mehr Geschaffenes sich selbst überläßt und überlassen kann, weil es ganz wirklich, wirk-lich im Stammsinne des Wortes geworden ist. Ich glaube, es bedarf keines weiteren empirischen Details, um den 11