Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bildung zu verändern ist, man kann in den frühesten Stadien der Embryonalentwicklung gewissermaßen auf dem Keim spielen wie die Hand des Künstlers auf den Tasten des Klaviers, eine Unzahl von Melodien schlummert in der Tastatur, eine beliebige Mannigfaltigkeit von Vielbildungen, Mißwüchsen, Wunderformen schlummert in dem Keim. Aber entwickeln muß er sich, Gebilde ivird, zweckmäßig oder nicht, lebenstüchtig oder zum frühen Untergang bestimmt. - Was ist aber dann das eigentliche Individuelle? Denn unter Individualität denken wir doch nicht nur an die Abgrenzung des Lebendigen in Raum und Zeit sondern viel mehr an sein Besonderes. Was ist das Eigene des Individuums, seine Basis? denn es scheint oder vermeint doch irgendwo zu stehen, seinen Grund zu haben. Ist es die Einzelheit selbst, die vom befruchteten Ei bis zum Tode gewahrt bleibt? Aber man kann es experimentell erzwingen, daß aus einem einzigen befruchteten Ei, das in Ruhe gelassen ein Exemplar der Art ausreifen lassen würde, zwei, vier, ja sechzehn harmonisch ausgebildete, verkleinerte Individuen hervorgehen, \icht eine vorbestimmte Einzelheit macht das Individuum aus; ist es vielleicht die Einmaligkeit seines Erzeugungsmomentes, die Konstellation seines ersten Augenblicks, die zwar nicht in den Gestirnen, wohl aber in scheinbar ebenso fest gegründeten Gebilden hergestellt ist: in den Erbeinheiten, die beide Zeugungspartner zu seiner Anlage zusammenbringen? Die Vererbungsforschung hat festgestellt, daß es keine Vererbung im eigentlichen, transitiven Sinne gibt, daß die Erzeuger vielmehr nur Treuhänder gegenüber einer von den Vorfahren überkommenen Summe von Erbfaktoren sind, aus deren jeweiliger Zusammenstellung sich der Anlagenkomplex des Erzeugten konstituiert. Diese Erbeinheiten sind nach Form und Stoff definierte Gebilde, die im Zellkern lokalisiert sind und bei den Zellteilungen durch einen exakt funktionierenden Mechanismus auf die beiden Tochterzellen zu gleichen Teilen verteilt werden, in welchen sie sich dann allmählich zur ursprünglichen Masse ergänzen. Wie sie ihren bestimmenden Einfluß auf die Formausbildung bewirken, ist uns noch unbekannt, wir können nur aus der Erbanalyse und den Zellvorgängen erschließen, daß sie diesen Einfluß haben. Man könnte also wohl auf die Vermutung kommen, in diesen Erbeinheiten, diesen im Stoffe fixierten Entwicklungsfaktoren sei die Individualität gegründet, das Individuum * sei die nach außen vollzogene Entfaltung dieser im befruchteten Ei end- 9