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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Alles Leben geschieht in Individuen, in unteilbaren Ganzheiten. Das gilt räumlich absolut, unbeschadet der Tatsache, daß auch Teile und Teilchen eines Ganzen die lebende Sonderexistenz einer Ganzheit führen können, sie — etwa die überlebenden Organe oder Zellen eines Tierleibes - führen dann nicht ein teilweises Leben sondern ihr ganzes, nur ohne Einmündung in ein größeres Ganze. Es gibt kein flüssiges, ungeformtes, unabgegrenztes Leben. — Der Satz „Leben heißt Individualität" gilt räumlich absolut, raumzeitlich gilt er absolut nicht. Es gibt kein Leben, das durch die Zeit hin an ein und dasselbe räumlich umgrenzte Gebilde gebunden bliebe, es gibt kein Auf-der-Stelle-Treten des Lebens, wenn es auch eine Zeitlang äußerlich betrachtet so erscheinen mag wie etwra im ausgewachsenen Organismus auf der Lebenshöhe. Aber auch zeitlich ist das Leben individuell abgeteilt, es geht wohl durch die Gestaltungen hindurch weiter, aber jede einzelne hat Anfang und Ende, hat ihre Zeit, die sie erfüllt. Das Leben ist recht eigentlich Erfüllung, Erfüllung der Zeit, indem alles was wirklich wird, einmal Verheißung - biologisch gesprochen: Anlage, Keim war, Erfüllung des Raumes mit geformter, immer mehr verdichteter Masse; der von dem Individuum eingenommene Raum wird aus einem Milieu weitester Reaktionsmöglichkeiten zu einem solchen immer mehr eingeengter Mannigfaltigkeit aber stabilisierter Abläufe. Das Entscheidende für alles Lebensdenken aber ist, daß dieser Vorgang der Erfüllung, der Vollendung nicht etwas zu dem Leben Hinzukommendes ist, sondern sein Wesen ausmacht. Er ist der tragende Grund für alles, was materiell und seelisch geschieht, entsteht und sich wandelt, er gibt jeder Möglichkeit ihre Stunde der Verwirklichung oder verschließt sie ihr unabänderlich. Mit jeder eingetretenen neuen Gestaltwirklichkeit ist eine Fülle von Möglichkeiten unmöglich geworden. Aber es hülfe dem Lebenden auch nichts, wenn er sich aufsparen wollte, wenn er, um der Einengung zu entgehen, sich vor der zunehmenden Verwirklichung, Erfüllung zurückhalten wollte. So wenig das Ei, wenn es in die Entwicklung eingetreten ist, auf irgendeinem Stadium haltmachen, sich mit der erreichten, ja durchaus lebendigen Formung begnügen kann, so wenig kann der Mensch es hindern, mit dem Durchformungsgang an Leib und Seele seine Zeit zu erfüllen. Man kann im Entwicklungsexperiment am Ei und Embryo zeigen, wie mannigfaltig der tatsächliche Verlauf der Formaus- 8

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