Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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daß in dem Leben des Einzelnen das Ganze als eine Wirklichkeit erscheine. Für den Glauben wird der Einzelne von der Wirklichkeit, dem ens realissimum, gelebt; für die Bildungsidee gibt der Einzelne der überindividuellen Wirklichkeit Leben. Die Frage ist: gibt es gegenüber dieser Gegensätzlichkeit etwas anderes als die Entscheidung des Einzelnen, woher sie auch komme, oder die Feststellung von Fall von Fall, daß hier das eine, dort das andere Geltung besitze? Wenn ich versuche, zu dieser Frage etwas zu sagen, so geschieht es weder mit der Autorität des Theologen, noch mit der Kompetenz des Pädagogen; ich habe weder die Offenbarung zu verkünden, noch Bildungsziele und Bildungswege anzugeben. Weil ich als Biologe, als Naturforscher des Lebens zu reden habe, kann ich nichts anderes mir vorsetzen, als zu versuchen, jene Gegensätzlichkeit in dem natürlichen Leben, als dem geschaffenen Gleichnis des Glaubens oder als der materiellen Basis der geistigen Existenz, aufzufinden und in ihrer Beschreibung - nicht den Gegensatz aufzuheben, vielleicht aber ihn als lebendig, als Lebenswesenheit zu erweisen. Wenn das Leben etwas Einheitliches ist - und daß es das ist, beweist die Tatsache des einmaligen Todes wenn es ein Einheitliches ist, so muß die Wirklichkeit, die in dem Leben offenbar wird, eine sein, und ob der Mensch sich durch den Glauben bestimmt weiß oder durch das Wissen bestimmt glaubt, kann an der erscheinenden Wirklichkeit in Wahrheit nichts ändern: „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Es gibt in der medizinischen Psychologie, die unter dem Namen der Psychoanalyse heute viel diskutiert wird, zwei Richtungen, deren Betrachtung uns als Uberleitung zu der biologischen Problemstellung unseres Themas dienen mag. Die ältere, von Freud begründete, die der Seelenforschung und Seelenbehandlungsmethode den Namen gab, hat als theoretische Basis den Menschen als Triebwesen. Der Trieb, vor allem der sexuale, ist das Eigentlich-Wirkliche, das schöpferische Element, die prima causa; die seelische Gestalt, die in dem Individuum im Laufe des Lebens entsteht, ist die Selbstauswirkung des Triebes in den Schick* salen der Umwelt. Die äußere Wirklichkeit gibt das Material, in dem allein der Trieb sich Erfüllung verschaffen kann, sie ist aber überwiegend hinderlich für die Erfüllung; die Triebauswirkung wird zu einer Geschichte der Seele, deren Inhalt die Einbeziehung der triebfeindlichen Außendinge in das Individuum ist, um mehr und mehr das Spiel der 4