KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 1 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2822870-2822932-2822933--703-2823754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdischer Friedensburrd. Nach längeren Vorberatungen hat sich im Rahmen des „Jüdischen Friedensbundes" ein Studenten-, und Jugend-Beirat gebildet, der, ähnlich wie der Frauen- Äusschuß des I. F., au den Arbeiten des Flredensbundes beteiligt sein wird, überdies aber die methodische Erziehung des Heranwachsenden jüdischen Geschlechtes zum Frieder: sich zur Aufgabe stellt. Das vorläufige Erekutiv-Komitee der neuen Körperschaft besteht aus den Herren: I. Blumenthal, Werner Felix, M. Rcinbeimcr, Martin Sobotker. In einer am 19. Dezember stattgehabten Versammlung im Hotel Prinz Albrecht fand die erste gcmcinzame Aussprache des Vorstandes, des Frauenausschusses, sowie des Studenten- und Iugcndbeirates über das nächste Arbeitsprogramm statt. Mildes Urteil gegen die Urheber der Berliner Universttatskrawalle. Der Senat der Berliner Universität verhandelte am 4. Dezember abends unter dem Vorsitz des Rektors Erhard Schmidt in dem Disziplinarverfahren gegen die Vorstandsmitglieder der „Allgemeinen Deutschen Studentenschaft", die für die Absendung eines respektlosen Ultimatums an den Rektor und für die daraufgcfolgten stark antisemitisch betont gewesenen Krawalle in dem Gebäude der Universität Unter den Linden verantwortlich sind. Das Urteil fiel sehr milde aus. Die Studentin von Ploctz wurde mit der Unterschrift unter das tlonsilium utieuncU bestraft. Das Verfahren gegen das Vorstandsmitglied Busse ist eingestellt worden, da man ihm nicht Nachweisen konnte, daß er von dem an den Rektor gerichteten Ultimatum Kenntnis hatte. Der stud. jur. Hoppe, der erste Vorsitzende der Allgemeinen deutschen Slu> dentcnschast, konnte nicht zur Verantwortung gezogen werden, da er nicht mehr Mitglied der Universität ist (sein ReimmatrikulicrungSgesuch wurde wegen Mangels an Fleiß seitens des'Ansnchenden abschlägig bcschieden). Der Rektor hat ferner dem Nationalsozialistischen Studentcnbund das Anschlagbrett und damit die Anerkennung als Universitätsorganisation entzogen. Wir bezweifeln aber, daß alle diese Maßnahmen an des Uebels Wurzel dringen, und halten das Vorgehen der Frankfurter Universitütsdehörden. die den Nationalsozialistischen Sludentenbund für die Dauer verboten haben, für eine begrüßenswertere Tat praktischer Abwehr. Das demokratische Recht der ungehinderten Gruppendildung kann nicht ungeschmälert denen zugestanden werden, die selber jedes Recht beständig mit Füßen treten. UedrigenS bat der Staatsrat sich mit einer An» frage, ob das Ministerium die Entscheidung des Skrllncr Senats in der Krawallangelegenheit billige, beschäftigt. Auf die Anfrage erwiderte, wie der „Amttiche Preußische Pressedienst" mittellt. ein Reaierungs- Vertreter, daß da» Ministerium in materieller hinsicht zu der Entscheidung noch nicht Stellung genommen habe. Nach dem geltenden Gesetz vom 2V. Mai 1H79 betr. die Rechtsverhältnisse der Studierenden Hab« da» Ministerium im vorliegenden Falle keine rechtlich« Möglichkeit, gegen die Studierenden selbst einzuschreiten. Die Disziplinargewalt werde vielmehr allein durch Rektor und Senat auSgeüdt. während der Minister nur Berufungsinstanz in bestimmten Fällen sei. in denen die Studierenden die Berufung beantragen und ein Begnadigungsrecht bei den schwersten Strafen haben. Ob davorliegende Geletz heute noch zeitgemäß sei, unterliege f>er Prüfung. Es sei nicht zu verkennen, daß die Erfahrungen der letzten Zeit das bestehende Gesetz als veraltet erscheinen lassen könnten. UatiorralforLattsten an der „Arbeit". Im sächsischen Landtag haben die Nationalsozialisten, auch dort infolbe politischer Allgemeinverblendung über Gebühr stark geworden, eine altbeliebte Walze wieder ins Drehen gebracht. „Sosortige Einführung des nurnorus clausus auf allen sächsischen Hochschulen" ist die Forderung, mit der sie zunächst das Vaterland zu retten gedenken. Da aber von wachsen aus das ganze Reich noch nicht beherrscht wird, so sollen zugleich Sachsens Vertreter im Reichsrat darauf hinwirken, daß alsbald eine rcichsgesetzliche Regelung im gleichen Sinne erfolge. Man sicht, die Nationalsozialisten nehmen ihre parlamentarischen Aufgaben überaus ernst und sind bestrebt, den Volksvertretungen das gleiche Niveau zu verschaffen, wie cs zuweilen in den Mitgliederversammlungen jener privaten Studentenorganisationen herrscht, die sich;war fälschlich, aber gern als „Allgemeine deutsche Studentenschaft" bezeichnen. Deutschland als Welt; entrinn des Antisemitismus? Musik in den Ohren der Nationalisten! Erstens einmal: Deutschland in der Welt überhaupt voran, und zweitens noch dazu in der Bekämpfung des Judentums — es geht wieder aufwärts! Freilich wird die Be> geisterung etwas gedämpft, wenn man hört, wer eigentlick Deutschland als Weltzentrum des Antisemitismus festgestellt hat. Eoudenhove-Kalergi? Pfui! Das schmeckt nach Panenropa. nach Knochenerweichung, nach Humanitätsduselei. Vielleicht ist seine Feststellung nicht einmal als Anerkennung gemeint? In der Tat. sie ist alles andere als ein Lob. Graf Eoudenhove-Kalergi. der in der Schaffung der Paneuropäischen sinion eine eigene Tat von geschichtlicher Bedeutung zimmerte, handelt in der Bekämpfung des Antisemitismus als Verwalter eines väterlichen Erbguts. Sein Vater. .Heinrich Eoudendove-Kalergi. ließ 1901 ein Buch erscheinen: .Das Wesen des Antisemitismus", das der Sohn soeben im Paneuropäischen Verlag (Wien-Leipzig-Paris) neu derausgidt. Er fügt der Neuauflage eine Abhandlung über den .Antisemitismus nach dem Weltkriege" bei.' die einen besonderen Abschnitt .Deutfchtum und Judentum" enthält. Es heißt darin u. a.: Früher ist Nutzland das Weltzeutrum des Antisemitismus gewesen. In dieser Stellung ist es abgelöst worden durch Deutschland. Sonst sind es nur noch einige Mittel-und Kleinstaaten Osteuropas, die den Antisemitismus im nennenswerten Maße züchten. Die Großmächte Europas außerhalb Deutschlands kennen keinen Antisemitismus im deutschen Sinne. Aicht einmal das faschistische Italien. Prototyp des NarionalismuS. bedarf zur Konservierung chauvinistischer Instinkte einer antisemitischen Beimischung (Wahrscheinlich wird Mussolini bei den hitlerianern ln der Iudensrage weniger Nachsicht finden als in der Südtiroier Frage.) England lehnt ebenfalls einen Antisemitismus des bei uns beliebten Formals entschieden ad. ebenso Frankreich, das nach der längst vollzogenen Überwindung der Drevsuß-Krise stets seine Nare Einsicht und Loyalität dehauptet hat. Deutschland aber spinnt sich in unzählige Verflechtungen und Verästelungen aller erdenklicher antisemitischer Theorien ein, fälscht sich den Blick durch Phantom- und