KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (1.12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2822870-2822924-2822931--686-2823737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
105 Hortim Gegenteil, wir würden es uns geradezu verbitten, als Glieder eines derart geschändeten, entsittlichten Akademikertums gelten zu sollen. Ist Oesterreich tatsächlich schon so weit balkanisiert, daß die gleichen Hooligans, die auf rumänischen Universitäten ihre niederen Instinkte austoben dürfen, auch in Oesterreich freies Spielfeld finden? Sehen die Behörden nicht endlich ein — 10 Jahre sind doch auch für Oesterreich Zeit genug —, daß ein ganz erheblicher Schuldanteit in ihrem wohlwollend duldenden Verhalten sich birgt? Mit welchen Gefühlen hört man sich dort drüben die allerorts im Reich getroffene Feststellung an. daß Oesterreichs guter Name als Kulturstaat ernsthaft auf dem Spiele steht? Sieht man nicht die ungeheure nationale Gefahr, die aus dieser Bedrohung aufsteigt, oder wird man immer mal wieder erst, wenn der Blitz ins Haus geschlagen hat, erkennen, daß es gewittert? Wenn Oesterreich sich dort, wo es erlesene Führer heranbilden soll, eine Rotte verwilderter Rohlinge großzieht, dann klingt es bald wie Ironie, dem schwer ringenden Lande glückhaste Fahrt in die Zukunft zu wünschen. Diese Gefahr allein sollte den verantwortlichen Pflichtträgern sich dröhnend ins Gewissen hämmern, wenn schon nicht das Bewußtsein einer anderen Verpflichtung sie in Wallung bringt, der Verpflichtung, den lernwilligen jüdischen Studenten an Leben und Gesundheit zu schützen. Unseres Wissens kennt die österreichische Bundesverfassung keinen Passus, wonach Juden, die studieren wollen, dies nur auf eigene Lebensgefahr unternehmen dürfen. Daß aber die Juden und überhaupt alle nichtvölkischen Studenten äs facto vogelfrei sind, liegt zum nicht unwesentlichen Teil an einem sonderbaren Manko der polizeilichen Zuständigkeitsabgrenzung. Die ominöse Rampe der Wiener Universität ist der bevorzugte Rummelplatz der Skandalbrüder geworden. Mit Fug und Recht. Nicht nur weil sie das Recht hierzu durch mehr als 10 Jahre ungestört gepflegter Uebung vielleicht schon ersessen haben — noch aus viel besserem Grunde: Es gibt keine Gesetzesautorität, die hier etwas zu verbieten oder zu befehlen hat! Die Rampe an der Wiener Universität gehört, so sagt die akademische Behörde, nicht mehr zur Universität, also greifen wir dort nicht ein. Die Rampe an der Universität gehört, so meint die Polizei, nicht mehr zur Straße, sondern schon zur Universität, also greifen wir dort nicht ein. In der Tat sieht man an unruhigen Tagen ein starkes Polizeiaufgebot vor der Rampe hatten; auf die Rampe selber wagt sich weder Pärell noch Polizist. Wenn sich Universität und Polizei nach dem Motte der Polenkavaliere („.... und weil keiner wollte leiden, daß der andre für ihn zahle....") das Recht streitig machen, dort oben nicht einzugreifen, was also ist dann rechtlich die Rampe der Universität? Ein Nichts; ein gesetzliches Vakuum, ein juristisch luftleerer Raum? Der johlende Nutznießer rst natürlich das Rüpeltum, dem durch das blutige Sathrspiel dieses negativen Kompetenzkonflikts ein Eldorado geschaffen wird. Da war es nur folgerichtig, daß die Radauhelden diesen Platz, den ihnen die Staatsgewalt so freigebig geräumt hatte, wie ein tatsächliches Hoheitsgebiet in Besitz nahmen. So mußten bei der Jnaugurationsfeier die Ehrengäste einen Kordon von Hakenkreuzlern passieren, der ihre Legitimationen prüfte. Die Presse berichtet — es klingt wie eine fast dämonische Groteske — daß keinem der Ehrengäste ein Haar gekrümmt wurde. Die Gäste haben Glück gehabt. Es gibt nun mal Oertlichkeiten, bei denen man nie sicher ist, sie unbeschädigt wieder verlassen zu können — als da sind Abbruzzenwälder, Raubtierkäfige, Hafenkneipen — und scheinbar auch österreichische Universitäten. Wenn die Geschichte ihr Urteil sprechen wird, daun werden sich die nicht aus der Verantwortung winden können, die dem Barbarentum eine Freistatt im Reich der Wissenschaft gewährt haben» sei es aus echter Sympathieempfindung, sei es auch nur, weil die Trägheit des Herzens ihre Entschlußkraft überwältigte. Wie eine Seuche breitet sich zurzeit der studentische Vandalismus durch die Länder aus. In Budapest, in Krakau, in Prag, in Preßburg pogromartige Ausschreitungen, wie man sie dem Mob der Straße Zutrauen mag, aber niemals dem Akademiker. Ueberall das gleiche Bild ethischen Tiefstandes — entmenschte Horden, die in feigem Majoritätsbewußtsein über friedliche, nichtsahnende Kommilitonen herfallen und ihnen ihre wahrhaft andersartige Beschaffenheit mit blutiger Handgreiflichkeit demonstrieren. In Krakau fiel der Ausspruch, es handle sich bei allen diesen Vorgängen nicht um lokale Ereignisse, sondern um Auswirkungen einer einheitlichen, umfassenden Bewegung, die auch bis nach Deutschland hinüberreiche. Der preußische Kultusminister hat zwar kürzlich erklärt, Skandalszenen wie in Oesterreich seien bei uns unmöglich und würden andernfalls von der Staatsgewalt sofort abgedrosselt werden. „Wenn man den Wolf nennt" -- heißt es im alten Sprichwort — „kommt er gerennt." Schon einen Tag nach der Ministererklärung erlebte auch Berlin einmal Wiener Zustände. Mit brennender Beschämung mußten wir erfahren, daß auch in die geheiligten Hallen unserer Alma mater der Janhagel tosend einbrach, nach berüchtigten Mustern gegen friedliche Mitbürger wütete und dabei selbst die Achtung vor dem weiblichen Geschlecht brutal verletzte. Wenn auf solche Weise die Wiener „Hochschulkultur" auf Berliner Boden verpflanzt werden soll, dann heißt es ganz entschieden, sich zur Abwehr sammeln! S o wünschen wir uns den Anschluß Oesterreichs nicht! Angesichts solcher empörender Geschehnisse kann jeder sittlich Denkende ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit nur Empfindungen spüren, die alles andere eher bedeuten als ein Verlangen nach „Anschluß". Einen Zusammenschluß, der das Ineinanderwachsen der stammverwandten Kulturen mit sich bringt, begrüßen und erstreben wir; nichts im Sinne aber haben wir mit einer Kumpanei der Spießgesellen! Der Anlaß der Berliner Tumulte war derart nichtig, daß man auch hier wie oft an ein Auseinanoerfallen von Anlaß und tieferer Ursache glauben muß. Weil der Berliner Rektor mit voller Berechtigung nicht dulden wollte, daß ein studentischer Privatverein sich als Allgemeinvertretung der Studentenschaft ausgab, und ein Plakat beanstandete, das, einer gegebenen Zusage zuwider, zu einem Ball der fälschlich so genannten „Allgemeinen Studentenschaft" einlud — darum Zeter und Mordio? Ach wo, nicht darum! Ueberschüssiges Kraftmeiertum, das sich lieber in Arbeitsenergien umsetzen sollte, drängte zu eruptiver Entladung, zu nachdrucksvoller Betätigung deutschvölkischer, minister- und staatsfeindlicher Gesinnung. Eine bemerkenswerte Parallelerscheinung bieten studentische Demonstrationen in Halle, die sich von den Berliner Vorfällen dadurch unterscheiden, daß sie in Ruhe verlaufen sind, mit ihnen aber gemein haben, daß die wahre Ursache zugedeckt wird durch einen ganz unbeträchtlichen äußeren Anlaß. Der Kultusminister wird als Todfeind der Studenten hingestellt, weil die reaktionäre „Universitätszeitung" sowie die ebenfalls reaktionäre „Deutsche Studentenschaft" aus ihren Räumen exmittiert wurde, zugunsten