KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (1.12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 Kampfes gegen die Herausgabe der Kriegsverbrecher wir Studenten zusammenstanden wie ein Mann, als wir nicht diese oder jene auf Grund des Versailler Vertrages an die Entente ausliefern wollten. Wie ein Mann haben wir zusammengestanden, als es galt 1919 die Gefallenen zu ehren. Jeder, der es mitcrlebte» wird die Erinnerung mitgenommen haben, daß, wenn wir das Lied vom Kameraden sangen, es innerliche Volksgemeinschaft war. Wer 1919 das Glück hatte, den Verhandlungen beizuwohnen, in denen in Würzburg die Deutsche Studentenschaft gegründet wurde, der wird ebenfalls das Gefühl der Einheit mit nach Hause genommen haben, das Gefühl, daß das, wofür wir 25 Jahre gekämpft, Wirklichkeit geworden ist. Es war ein Irrtum. Die Zeiten sind vergangen. Es waren die Menschen nur, die die Gemeinschaft in sich trugen, die sie aber nicht fortpflanzen konten auf die Nachkommen. Wer von den Jungen von heute, der den heutigen Staat als minderwertig hinstellt, kann sich der ernsten Tage erinnern, in denen ernste Männer um Deutschlands Zukunft, um die Erhaltung seiner Einheit gebangt haben, wer von denen, die glauben, Parlament und Republik ablehnen zu können, ist sich bewußt, welch ein großer Erfolg es war, daß wir ein Parlament zustande bekamen. Die deutsche Jugend hat diese Dinge nie gelernt oder schnell vergessen. Hierauf aber ist es zurückzuführen, daß wir die jetzt überall verwirrten Verhältnisse an den Universitäten haben. Die deutsche Studentenschaft sucht sich einen Gegner, einen nach außen hat sie nicht. Darum kämpft sie gegen die angeblichen Gegner von innen. Sie kämpft gegen die Gegner in der Politik, indem sie sich aufwirft zum alleinigen Träger des Nationalgefühls und jedem Andersdenkenden Vaterlands- und Verantwortungsgefühl abspricht. Sie kämpft gegen Freimaurer und Juden. Sie kämpft gegen den Kultusminister Becker, der sich den Studentenvater nennt, heute wegen des Studentenrechts, sie kämpft selbst am Grabe gegen «stresemann. So hat die deutsche Burschenschaft es sich nicht nehmen lassen, sich dem Ausschuß für das Volksbegehren anzuschlicßen, trotz der Warnung eines gewiß nicht Schlechten unter ihnen, eines Jarres. Das, was wir in der Hochschulpolitik im engeren Sinne erleben, ist nur ein kleiner Ausschnitt des politischen Kampfes der Studentenschaft. Sie ist revolutionärer, als es die Studentengeneration der Revolution gewesen. Damals haben diejenigen Kreise, die die Vorläufer der Studentenschaft von heute sind, es abgelehnt, grundstürzende Reformen an der Universität zu fordern. Damals kam es darauf an, die Universitäten zu erhalten. Heute kämpft man unter dem Schlagwort von Lehr- und Lernfreiheit für eine völlige Wandlung des Begriffes der Hochschule. Man fordert die Lehrfreiheit dann, wenn es sich darum handelt, einen Dozenten, der dem heutigen Staat in seiner inneren Einstellung als Gegner aegenübersteht, sein Amt zu bewahren. Man identifiziert sich mit der gleichen Lehrfreiheit, wenn man glaubt, daß es zweckmäßig ist, einen Mann wie Lessing oder Gumbel von der Hochschule zu entfernen, weil dessen Auffassung mit der seiner Schüler, seiner Hörer, nicht in Einklang zu bringen ist. Man kommt mit der Lernfreiheit des deutschen Studenten, wenn es sich darum handelt, für bestimmte Kundgebungen die Erlaubnis zu erhalten. Man kämpft gegen die gleiche Lernfreiheit, wenn es sich darum handelt, die Gleichberechtigung des jüdischen Studenten, des Ausländers, anzuerkennen. Man kämpft für die Autonomie der Hochschule, für die Freiheit der Hochschule so lange, wie man glaubt, daß die Hochschulen gerade diesen Strömungen der Studentenschaft besonders weitgehend offenstehen. Man glaubt, es mit der Freiheit der Hochschulen begründen zu müssen, daß man für eine bestimmte Parteirichtung der Studenten staatliche Anerkennung fordert. Man glaubt, daß diese in Einklang zu bringen ist mit einer Abstufung des Rechts je nach der Konfession, je nach der Abstammung. Man kämpft nicht nur mit geistigen Waffen. Das beweist die studentische Presse, di« manchmal den Kreis des Zulässigen etwas nahe streift, wenn nicht überschreitet. Offizielle Zeitschriften, erhalten durch Zwangsbeiträge der Studentenschaft, verletzen die Ehre einzelner auf das allerschwerste. Man versucht, den jüdischen, freiheitlichen, republikanischen Studenten, soweit er korporiert ist, beim Chargieren auszuschließen, den unliebsamen Dozenten das Kolleg zu sperren. Man predigt die Freiheit des Lehrens und versucht gleichzeitig, unakademisch den Besuch bestimmter Kollegs zu stören. Soll es so weitergehen? Denken Sie an die Ereignisse in Wien. Leider ist die österreichische Studentenschaft in allem Ungünstigen das Vorbild für unsere heutige deutsche Studentenschaft, wo es soweit gegangen ist, daß wir einen Terror erleben, indem Juden und Judengenosse, Dozenten der verschiedensten Art, in eine Boykottliste ausgenommen und den Studenten in die Hand gegeben wurden. Denken wir an das, was uns als Juden besonders trifft, was wir auch in der Vorkriegszeit nicht erlebt haben, wo uns allenfalls vereinzelt die Waffenehre abgesprochen worden ist. Wo hat man es sich in der Vorkriegszeit so bequem gemacht, den Juden zu infamieren. Wie mannigfach sind heute die Mittel, die man sich geschmiedet. Wenn es heute nicht mehr geht, den Abstand zu halten, äußerlich vom Juden abzurücken, dann versucht man, eine Veranstaltung für sich zu machen, den offiziellen Rahmen der Universität zu meiden, dem Rektor anzudrohen, daß die Farben der Gesamtstudentenschaft nicht mehr zu sehen sein werden, um nicht gezwungen zu sein» den Juden Gleichberechtigung zu gewähren. Trauriger Ruhm der deutschen Studentenschaft, daß wir Versuche dieser Art immer und überall gerade bei Totenfeiern erleben. Ueberall zeigt sich ein Mangel an Verantwortlichkeit, ein Mangel an Gemeinschaftssinn. Aber diese Dinge sind nicht die schlimmsten, weil es sich hier letzten Endes nur um Korporationsfragen allein handelt. Man ist zwar gewohnt, daß Korporation und Studentenschaft verallgemeinert werden. Man tut beiden damit Unrecht. Es ist nicht die Mensur, die es bewerkstelligt, daß der Geist der Volksgemeinschaft fehlt. Wir finden die gleiche Einstellung bei denen, die schlagen, und denen, die nicht schlagen. Wir finden auch den gleichen Geist bei denen, die nicht Band und bunte Mühe tragen. Der höchste Grad der Jnfamierung ist der Kampf um den numerus clausus. Es scheint uns nichts erspart bleiben zu sollen, was wcr im Balkan erlebt haben. So sehen wir in Deutschland hier und da die Forderung auftauchen, die Zahl der jüdischen Studenten an den deutschen Hochschulen zu begrenzen nach der Zahl der Einwohner, die ihnen zukommt. Die Dinge können ja noch recht weit gehen. Ich brauche nur darauf hinzuweisen, daß man in Rumänien soweit gekommen ist, daß man ihn auch auf die Leichen der Anatomie anzuwenden pflegt. Wenn die Dinge so weiter treiben, wie sie in Deutschland getrieben werden, wenn Erlangen und Würzburg sich derartige Beschlüsse zu eigen machen, wenn der Deutsche Studententag schließlich nur aus