KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (1.12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 darf er doch seinem Fühlen nach als einer der besten Juden, als einer der besten Deutschen bezeichnet werden. M. h.! Wir sind als Juden einen Weg der Jahrtausende gegangen, einen Weg des Geistigen, des Ringenden — des Ringenden mit der Umwelt und mit uns selbst. Was uns zusammenhielt, war ein geistiges Gesetz, das aus wahrhaft religiösen Strömen floß: ein Gesetz der Sittlichkeit, der Geistigkeit. Dieses Gesetz hat Nietzsche einmal als die gröstte Befreiungstat auf dem Gebiete der Menschhei bezeichnet. Alles andere, was sonst gegen die Gewaltigen, die Machthaber, die Selbstherrlichen geschehen sei, sei im Vergleich dazu nicht der Rede wert, denn dieses Gesetz — das sei der Sklavenaufstand der Moral, das Mitleid mit den Schwachen, das an die Stelle der Herrenmoral, der Selbstherrlichkeit der Starken getreten sei. Dieser Aufstand der Moral sei uns nur deshalb aus den Augen geschwunden, weil er siegr e i ch g e w e s e n s e i. Auf diesem Wege der Jahrtausende ist in aller Not immer etwas in die Zukunft Weisendes gewesen, etwas Bejahendes, etwas Aufrichtendes,-etwas von Auserwähltheit? M.H.! Von Auserwähltheit der Pflicht e n. — Des darf man sich rühmen — so wie man sich seines Fleißes und seines guten Willens rühmen darf. Weil auf diesem langen geschichtlichen Wege der Leiden der Blick gewissermaßen immer auf das K e i m e u d e gerichtet war, so wurden wir Juden die Spürenden der Hoffnung, und so verbinden sich unsere Seelen in tiefsten Tiefen mit allen Keimgedanken des neuen Deutschland, mit allem Frohen und Hoffenden, das aus einem größeren Deutschland, aus einem g e i st i g rößeren Deutschland herausgelebt und erausgestrebt werden kann. Wir lieben seinen Aufstieg und seine Freiheitsmöglichkeiten, wir lieben das neue, das schönere Deutschland, das wir ersehnen und an dem wir Mitarbeiten wollen. Wenn wir den aufsteigenden Staat bejahen, sind wir an erster Stelle den Angriffeil der Finsterlinge und Rückschrittler ausgesetzt. Man greift uns an und meint den Staat: die Judenrepublik, die Iudenfahne. Man greift uns an, weil wir die Wegbereiter des Staates sind. Diese Angriffe empfinden wir als eine Ehre und Anerkennung — wenn auch vielleicht nicht gerade als ein Vergnügen. Ein Widersinn politischer Infamie ergießt sich über uns: man greift uns als die Stützen des Staates an und spricht uns gleichzeitig unser Deutschtum ab. Nun, m. H., kann uns irgendwer von außen mit Erfolg etwas abstreiten von dem Anspruch an den Boden, auf dem wir Kinder, Jünglinge und Männer gewesen sind. Der Boden, auf dem ich stehe — wie wir alle hier —: das ist das Kinder-; land. das Elternhaus. Er bedeutet das erste Lallen der Sprache, erste Liebe, Himmel und Erde, Berg, Tal und Wald, die Bäume und das Rauschen des Windes. Wer kann mir das abstreiten? Menschen, Verhetzungeil. Verlästerungen!? — Ich bin mein eigener Richter über mein Herz — souverän auf diesem eignen Gebiete, — und niemand kann mir etwas abstreiten, was Besitztum meines Herzens ist. Aus der Tiefe unseres jüdischen Herzens, aus dem durch die Jahrhunderte gelegten Voraufbau des jüdischen Sehnens — in Bekennermut zu jüdischem Sein und Werden, das wir nicht missen wollen — lieben wir das neue, schönere, kommende Deutschland, in dem wir mit allen Menschen guten Willens Zusammenarbeiten wollen. — Arbeiten — nicht in Erschlaffung, sondern in körperlicher und seelischer Ertüchtigung — wollen, daß unsere jungen Menschen — Helden der Arbeit, Helden der Kultur werden — auf einer Erde, der so viel durch Mut und Kraft, durch Energie, durch Geist abgerungen werden kanil und muß. Es blühe das neue, das kommende, das schönere, das größere Deutschland, in dem wir nichts mehr und nichts weniger beanspruchen als den uns zu - kommeilden Platz der Arbeit. — II. Für deutsche Volksgemeinschaft, gegen Staatsfeindschaft der deutschen Studentenschaft. Dr. Hermann Berlak (Sprev., Frib.-Ghib.'): Die Vorgänge an den deutschen Hochschulen machen wohl einem jeden, der es ernst meint mit Deutschlands Gegenwart und Deutschlands Zukunft, schwere Sorgen. Man hat sich daran gewöhnt, die Hochschulen, die Ereignisse, die sich dort abspielen, als Hort der Reaktion, als ein mittelalterliches Ueberbleibsel anzusehen. Ich glaube, man kann auch das Gegenteil sagen. Man kann ganz ebenso, wie man die deutschen Studenten als den Hort der Reaktion betrachtet, mit noch größerem Recht sagen: sie sind eine revolutionäre Masse. Aber es ist eine eigentümliche Revolution, die sich dort vollzieht: Nicht für das Volk, nicht mit dem Volk, sondern eine Revolution gegen das Volk. Als die Kriegsteilnehmergeneration aus dem Kriege nach Hause kam, da hatte sie andere Sorgen, als die Studentenschaft von heute. Da fragten sie nicht nach Standes- und Rassenunterschieden, sondern sie hatten ein großes Ideal, das der Kameradschaft, der Volksgemeinschaft, das Ideal der universitss. Heute finden wir nichts voll alledem. Die Jugend von dazumal, die die Deutsche Studentenschaft erbaute, ist auf den Universitäten. fremd geworden. Nicht nur fremd die Gesichter, sondern auch fremd die Geister. Die Jugend, die jetzt die Hörsäle füllt, ist groß geworden während des Krieges, in der Revolution und in der Zeit der Inflation. Sie ist groß geworden in der Zeit, da die Schichten, aus denen sie entstammt, enterbt, niedergebrochen waren, groß geworden in Fremdheit zur Masse des Volkes. Und wenn die Studentenschaft von heute ihre Angriffe egen den Staat so gern damit begründet, daß sie en Staat und seine Vertreter Metternich gleichsetzt, dann vergißt sie, daß die Jugend, die sich Aegen, den Staat Metternichs gewandt hat, das Volk hinter sich hatte, daß aber die Jugend von heute gar nicht die des deutschen Volkes, sondern die eines kleinen Kreises ist, der den Anschluß an dieses Volk nicht finden kann. Das liegt daran, daß die Jugend von heute dem Staate, in dem sie lebt, fremd gegenübersteht. Sie hat in der Zeit, in der sie die Schulbank gedrückt hat, die Liebe zum Staat, zur Staatsform nicht kennen gelernt, sie hat den Staat nicht mitverteidigt. Sie sieht ein Staatsgebilde vor sich, eine Staatsindee, aber sie stellt diese Idee über den Staat selbst. Sie sieht nicht ein, daß ihre revolutionäre Gesinnung auf eine Revolution des Nihilismus abzielt. die zertrümmert, ohne Neues an seine Stelle zu setzen. Sie ist sicher begeistert von edelstem Freiheitsstreben, aber sie hat sich keine Gedanken darüber emacht, was denn nun eigentlich kommen soll, wenn as, was sie fordert, wenn die Einzelheiten, die sie glaubt predigen zu sollen, Wirklichkeit werden. Denken wir daran, was wir erlebt haben, als 1919 bei der Kundgebung der Berliner Universität anläßlich des