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KC-Mitteilungen · 1929-12-01 · Heft 12 (1.12.1929) · p. Seite 99

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Journal
KC-Mitteilungen
Volume
1929
Issue
Heft 12 (1.12.1929)
Date
1929-12-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 rechte Regelung der menschlichen Beziehungen ist das hohe Ziel, dem zuzustreben ist. Die Vertreter der Religionen treten auf den Plan und erklären angesichts der drohenden Verwüstung aller Kultur den Krieg für unsittlich und die, die für ihn — etwa mit den teuflischen Mitteln der Chemie — arbeiten, als „unanständig" in der Gesinnung. , Das sind die Grundlagen einer neuen Zeit, bei der wir nicht bloß dabei sein müssen — wie Goethe in Valmy im Jahre 1792 sagte — „ein neues Zeitalter bricht an und Ihr könnt sagen, daß Ihr dabei, gewesen seid." — Ls wird mehr verlangt: Ihr müßt sie mitschassen Helsen! Daran zu arbeiten, bedeutet das Alrich von huttensche Wort auf die Gegenwart übertragen, daß es wieder eine Lust sein könnte,- zu leben. Wir haben die freiheitlichste Verfassung, die strebende Menschen sich wünschen können. Sie beruht auf dem Willen der Gesamtheit des Volkes, sie ebnet die Beziehungen der Menschen in der Nähe und verlangt Gesittung auch in der Ferne. Die Gegebenheiten sind geschaffen, die den Aufstieg des Tüchtigen aus der Masse ermöglichen. Aus solcher Grunolage, der schönsten, die man sich denken kann, spielt sich in Deutschland der politische Kampf und in ihm der Kampf um die kulturellen Güter, um das im tief st en SinneSeetrscye av. Vielfach ein häßlicher Kampf, weil wir in Deutschland noch sehr wenig gelernt haben, das Persönliche vom Sachlichen zu unterscheiden. M. H.! Früh wird die jüdische Seele dahin geführt, daß sie in einen Kampf eingestellt ist. Ein feiner Seelenzeichner, Michael Müller- Claudius, hat die Tragödie des jüdischen Kindes in ihrer Tiefe gespürt. Er hat erkannt, wie es auf die Seele des Kindes wirken muß, wenn es sich zum ersten Male ohne schuldhafte Ursache gemieden, gezeichnet, ausgestoßen sieht, welche Furchibarkeit darin steckt, wenn es zum ersten Male das heilere Lachen des Kindes, seine Unbefangenheit verliert. 2n gleicher Schärfe erkennt er die Gefahren für die junge christliche Seele. Seine Besorgnisse gehen viel mehr von dem deutschen, von dem christlichen Standpunkt aus. Er fühlt die Ueberheblichkeit, die Kritiklos r g k e i t, die in die junge christliche Seele hineingetragen wird, die tu der anderen nicht den Menschen, der zü erforschen, sondern ein abgestempeltes Wesen, ein Shmbolbild alles Schlechten sieht, dem gegenüber die eigene Ueberlegung von vornherein ausgeschaltet werden kann. Eine unwürdige Entlastung stellt sich ein — das ist die Meinung eines christlichen ehrlichen Forschers —, eine Flucht vor kritischem Angriff, eine Flucht vor schmerzlichen: Sehen-müssen, eine Flucht vor dem Kampf um unverhüllte Objektivität. Das jüdische Kind wird frühzeitig vor eine schmerzlich-staunende Frage an die Welt geführt, die Erkenntnisse auslöst; das christliche Kind, das aus vorbeeinslußtem Kreise kommt, wird vom Denken weg zum Urteilen ohne Urteil gebracht. Es sieht das Schlechte gar nicht oder weniger in sich als in dem andern. Eine Neigung zu Ungerechtigkeit — mit schlimmsten Folgeerscheinungen — besonders für schwache Seelen stellt sich ein. Die trüben Erfahrungen des menschlichen Lebens stellen die jüdische Seele früh vor schicksalsschwere Entscheidungen. Sie gelten dem Wege, der zu gehen ist. Die starken Naturen ringen sich durch, sie kämpfen dauernd mit der Umwelt und noch viel mehr mit sich selbst, gehen einen Weg zur höhe. Sie werden in gewissem Sinne größer als ihr Schicksal. Die schwachen Naturen unterliegen leichter den Widerständen, denen sie im Herzen nichts entgegenzusetzen haben, sie verflüchtigen sich leichter, sie trennen sich vielleicht von einer Gemeinschaft, die für sie nur Schatten bedeutet, gleiten nach abwärts» werden Staub in der Masse. Sie werden kleiner als ihr Schickfal. Die v o r beeinflußte christliche Seele ist schneller fertig mit der Welt, sie braucht sich ja nicht vor sich selbst zu rechtfertigen, das Schlechte ist ja nicht in ihr, das Schlechte ist der andere oder in dem anoeren, ist das Symbolbild alles Bösen. Auf alle Stellungen im Staatsleben, im Leben der Gesellschaft oder wo auch immer ist ein Voranspruch da. Es gibt genug Gleichgerichtete, die das für eine Selbstverständlichkeit halten. Solche Menschen werden Führer und sind doch nur Geführte. Ihnen wird das Schicksal von Massen anvertraut und sie sollen sie M.H.! Als ein Symbolbild alles Bösen gilt heute noch in weiten Kreisen des deutschen Volkes der Dichter Heinrich Heine, als der Dichter des Spottes, der Ironie, der Satire ohne tiefere Bedeutung, als der Dichter der Zersetzung. Aber was wissen denn diese weiten Kreise von ihm? Außer: daß sie nicht wissen» was es bedeutet, wenn sie so traurig find? Ahnen kaum, daß da ein Dichter im Volksmund, ein deutscher Dichter im Volksmund des deutschen Volkes spricht. Was ist Heinrich Heine im Blick unserer Betrachtung? Heine: Das ist das große Reinigungswerk, der starre Lüftungsprozeß in dem muffigen Deutschland seiner Zeit, in dem er nicht singen und sagen durste, was ihm das Herz bewegte, das ihn vertrieb und ihn zwang, aus der Ferne, aus dem Exil zur Heimat zu sprechen, um sie wohnlicher zu machen für die, die nach ihm kommen sollten. M. H.! Wer das nicht erkennt, für den lassen wir Heine einmal selbst mit aller Deutlichkeit sprechen. Heine vergleicht sich an einer Stelle mit Kunz von der Rosen, dem Spaßmacher des gefangenen Kaisers Maximilian. „O deutsches Vaterland! Teures deutsches Vaterland! Ich bin dein Kunz von der Rosen! Der Mann, dessen eigentliches Amr die Kurzweil, und der dich nur belustigen sollte in guten Tagen, er dringt in deinen Kerrer zur Zeit der Not. Hier unter dem Mantel bringe ich dir dein starkes Szepter und die schöne Krone — erkennst du mich nicht, mein Kaiser? Wenn ich dich nicht befreien kann, so will ich dvch wenigstens trösten, und du sollst jemanden um dich haben, der mit dir schwatzt über die bedränglichste Drangsal, und dir Mut einspricht und dich lieb hat, und dessen bester Spaß und bestes Blut zu deinen Diensten steht." Dichten heißt — bekanntlich — richten über sich selbst. So hat Heine sich eingeschätzt: „Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, daß man mir einst mit einem Lorbeerkranz den Sarg verziere. Die Poesie, wie sehr ich sie auch liebte, war mir immer nur ein heiliges Spielzeug oder geweihtes Mittel für himmlische Werte. Aber ein Schwert sollt Ihr mir auf den Sarg legen: denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit." — Wenn auch Heine in jugendlicher Verblendung, in jugendlichem Irrtum, unter dem schmerzhaften Druck seiner Zeit nur durch eine äußerliche, von ihm selbst viel bedauerte Trennungslinie, das „Entrebillet zur deutschen Kultur" erlangen zu können glaubte, so

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