KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (1.12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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Das Reichswehrministerium hatte die Obersten Endres und Kübler, den Major Theisser und die Kapitänleutnants Engel und Rothe entsandt; ebenso war ein Vertreter des Kommandos der Schutzpolizei anwesend. Der Präsident gab eine Erklärung des Rektors bekannt, in der Seine Magnifizenz bedauerte, nicht persönlich erscheinen zu können, jedoch versprach gegen alle Versuche die Integrität der jüdischen Studenten anzutasten, energisch vorzugehen. Diese Erklärung erhielt ihre bemerkenswerte Note erst eine Woche später, als an der Berliner Hochschule wüste Skandalszenen ausbrachen. Ferner wurde ein Brief des Gründers der Reformburschenschaften, Geheimrat Küster, verlesen, in welchem der greise Vorkämpfer der Reform den jüdischen Kommilitonen hohe Anerkennung zollte, und ihren Kampf um Glauben und Heimat wärmste Sympathie zusicherte. Ein weiteres Schreiben des volksparteilichen Reichstagsabgeordneten Cremer hob hervor, welch unersetzlichen Werte in der historischen und kulturellen Verbundenheit des jüdischen Elementes mit dem Volksganzen begründet liegen, und wie verfehlt und schädlich die Anschauung derer wäre, die die Ausmerzung des Judentums aus dem deutschen Dasein erstrebten. Es folgten dann die drei Hauptreferate des Abends, gehalten von Ludwig Haas (Bad.-H.), Alfred Goldschmidt (Viadr.-Br.) und Hermann Berlak (Sprev., Frib.-Ghib.). Wir bringen sie ihrer besonderen Bedeutung halber wörtlich zum Abdruck. Unmittelbar an die Hauptreferate schloß sich der zweite Teil des Abends, der Kommers. Auch dieser Teil zeigte starke politische Uebermalung: Es kamen nach der Vaterlandsrede von Werner Rosenberg zahlreiche Sprecher aus den Kreisen der Gäste zu Wort. Aus der Fülle hochbedeutsamer Ansprachen seien hier nur erwähnt die Ausführungen des Landtagsabgeordneten Grzimek, der von der Pionierarbeit des Judentums am deutschen Gedanken gerade in den bedrohten Landesteilen sprach. Im Osten des Reiches ser es nicht zuletzt Verdienst der Juden, wenn das Deutschtum vor hereinbrechender Polonisierung geschützt werde. Iustizrat Brodnitz hob die alterprobte Waffenbrüderschaft von K. C. und C. V. hervor, und mahnte, den Mut zu wahrem Optimismus niemals sinken zu lassen. Sage uns doch unser sittliches Empfinden, daß unser Deutschtum für uns keine Problemfrage, sondern ein Schicksal sei. Der Vorsitzende des Deutschen Studentenverbandes sprach über den sozi »len Inhalt der Weimarer Verfassung und betonte, daß Arbeit an der Verfassung gleichbedeutend sei mit der Arbeit an der Volksgemeinschaft. Schließlich ser aus der Vielzahl der Reden noch die Ansprache des Reichsbannerführers Gebhardt zitiert, der den Antisemitismus. schon von Bebel als Sozialismus der dummen Kerle bezeichnet, ein Produkt von Minderwertigkeitsempfindungen nannte. Als Festgabe fand jeder Teilnehmer, K. C.er wie Gast, auf seinem Platz eine geschmackvoll in gelbweißschwarzen Farben gehaltene Denkschrift vor. Sie enthielt einen programmatischen Aufruf und einen Gedenkartikel, verfaßt von Rudolf H. Heimansohn, und als Anhang die Lieder des Abends. Rühmende Hervorhebung verdient ein ad hoc gedichtetes „Lied der Alten Herren", das in perlender Lyrik die Bundestreue besingt, und als dessen Urheber sich ein „alter, sehr langer" Spreve bekennt: Hans Remak. In der Presse fand unsere Kundgebung gebührenden Widerhall. Freilich haben wir bei der einen oder anderen Zeitung, von der wir ihrer politischen Einstellung nach Gefolgschaft erwartet hätten, Zurückhaltung festgestellt. Dafür buchen wir als tröstlichen Ausgleich einen anderen, um so überraschendere» Presseerfolg, den uns die „Deutsche Tageszeitung" bescherte. Die Teilnahme von Reichswehroffizieren an unserer Kundgebung hat es ihr angetan: Wenn die .zionistisches!) Verbindung Sprevia ihr „Stiftebier" feiere, so möge sie es tun; was aber die Reichswehr dabei zu suchen habe, sei unerfindlich, und es wäre überhaupt schon weit mit uns gekommen, wenn sowas möglich sei. Mau braucht dieses Lamento nicht tragisch zu nehmen. Die Verkoppelung der Sprevia mit dem Zionismus erschüttert uns nicht, zumal sie bloß auf einem Stück Papier geschieht. Wenn wir die Teilnahme der Reichswehr an unserer Veranstaltung als einen gesellschaftlichen Ausdruck republikanischer Interessenwahrung begrüßen, so ist es bestimmt kein böses Zeichen, wenn wir uns dabei in Meinungsverschiedenheiten mit der „Deutschen Zeitung" befinden. Der Ehrgeiz der „Deutschen Zeitung", ausgerechnet in republikanischen Geschmacksfragen den Gutachter zu spielen, ist überhaupt ein belustigendes Novum. Rh. Für deutsche Uolirsgemeinschaft. Drei Reden, gehalten anläßlich des 35. Stiftungsfestes der Sprevia auf der Kundgebung am 4. Nov. 1929. I. Gegen den kulturwidrigen Antisemitismus. Dr. Alfred Goldschmidt (Viadrinae-Br.): Meine Herren! Ein erstes Wort des Gedenkens und der Liebe gelte unseren Toten, den Toten des Weltkrieges, die für Deutschland gestorben sind. In ihrem Sterben liegt ein gut Stück Judentum: denn ihr Streben ging dahin, nicht nur Deutschland groß zu sehen, sie wollten auch dem Judentum dem ihm gebührenden Platz in Deutschland erkämpfen. Weit über 100 Tote beklagt unser Verband. Auch unsere Jugendlichen starben bei Langemark. Wir gedenken all der Lieben — der Gruppe unserer Freunde — innerhalb der großen Kameradschaft aller der vielen, die mit ihnen für Deutschland starben. (Die Anwesenden haben sich während dieser Worte von ihren Plätzen erhoben.) Meine Herren! Wenn es irgend etwas in der Welt geben könnte, das geeignet wäre, das größte Unglück der Weltgeschichte, den Krieg 1914/18, in etwas milderem Lichte zu sehen, so ist es die Tatsache, daß er zwangsläufig Erkenntnisse ausgelöst hat, die eine neue Zeit ahnen lassen. Im Flusse des politischen Geschehens schwimmen die Trümmer einer romantischen Vergangenheit. Man sucht sie zurückzuhalten — mit starken Kräften, aber sie treiben abwärts. Der starke Strom der Dinge — gestützt nicht nur auf die Sehnsucht der Menschenherzen — zwingt Erkenntnisse auf durch Wissenschaft, Technik. Ideen, die in die Zukunft weisen, müssen mit Interessen kämpfen, die an die Gegenwart sich anklammern. Das ist immer das Schicksal, das Weltenschicksal der Ideen gewesen. Unser, der Geistigen Aufgaben aber ist es: sie aufzuzeigen und den Mitlebenden näher zu führen. Das Kriegsende hat den Völkerbund geschaffen — einen Keim zunächst nur der Erfüllung, aber doch eben einen Keim. Menschheitserkenntnisse haben die Politik erreicht: der Krieg ist durch den Kellogpakt geächtet. Die Führenden in der Politik bemühen sich, die Verständigung der Völker herbeizuführen. Ge-