KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 11 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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87 mißhandelt. Deutschland, erwache! Soweit ist man bei uns noch nicht. Bei alledem beginnt der Gedanke des numerus clausus sogar im klassischen Lande seiner Originalität sich zu überleben. 2n Ungarn regen sich Stimmen, die entschieden seine Beseitigung fordern. Der„Pester Lloyd" wandte sich kürzlich in scharfen Worten gegen diesen „unglückseligen numerus clausus, der Ungarns Ansehen im Auslande geschädigt hat, und immer noch schädigt,.... den kein Staatsmann von Rang und Ansehen, kein Politiker von Einfluß und Wert, kein Bürger von Einsicht und Erfahrung billigen kann". Auch wird berichtet, daß der ungarische Kultusminister die Hochschulen und Universitäten angewiesen hat, alle Dorzugsa b i t u r i e n t e n ohne Rücksicht auf ihre Konfession aufzunehmen. Immerhin scheint das ein, wenn auch noch schüchternes, Einlenken zu bedeuten, und läßt darauf schließen, daß es langsam auch in Ungarils maßgebenden Köpfen zu dämmern beginnt. Aber — it isa Iong way — und die Budapest«?. Studentenschaft hat, damit man nicht auch sie liberaler Regungen verdächtige, erst jüngst wieder einmal zur größeren Vorsicht die Juden verprügelt. Auch der Kongreß des Internationalen Bundes Akademischer Frauen hat sich mit der Frage des numerus clausus befaßt. Die Delegierte, Frau Aberson, wies darauf hin, in welch hohem Matze der numerus clausus der Wissenschaft und den Menschenrechten Abbruch tue. Sie beantragte folgende Resolution: „Der in Genf vereinigte Kongreß der I. F. U. W. spricht in Anbetracht dessen, daß die beschränkte Zulassung einer Kategorie Bürger zu den Universitäten aus Gründen der Rasse oder Religion (wie z. B. der numerus clausus"! gegen jüdische Studenten) mit den Interessen der Wissenschaft, der Menschen- und Bürgerrechte und den Interessen des Friedens in Widerspruch steht, beit_ Wunsch aus, 1. daß die Staaten und Universitäten den numerus clausus, den sie für jüdische Studenten bereits eingeführt haben, wieder aufheben, 2. daß alle Männer und Frauen, die für die Interessen der Wissenschaft, die Interessen des Friedens und die Würde der Akademiker eintreten wollen, der antisemitischen Hetze der Studenten, die den numerus clausus in ihren Ländern gewaltsam einführen wollen, energisch Widerstand leisten." Diese Resolution wurde dem Rat des Internationalen Bundes akademischer Frauen überreicht; dieser ernannte einen Sonderausschuß, der mit der Prüfung dieser Resolution und der Einbringung eines Berichtes darüber in der nächsten Sitzung des Rates betraut wurde. Es wird wirklich, auch in Deutschland, hohe Zeit, daß das trübe Gewölk über so manchen Gehirnen sich endlich völlig lichtet. Gerade Deutschland, das zum Wiederaufbau alle seine Kräfte benötigt, kann sich den Luxus nicht gestatten, aus seinem geistigen Dasein diejenigen seiner Volksbürger zu eliminieren, die es am ehesten in der vordersten Front gebrauchen Sehr befremdlich klingt in diesem Zusammenhang eine Meldung der „Jta", wonach die deutschen Universitäten zahlreichen — man spricht von 150 — ungarischen Studenten die Aufnahme versagt haben, mit der Begründung, sie seien keine Zufluchtsstätten für schwächer qualifizierte Schüler. Es geht dies wohr auf den oben erwähnten Ministerialerlaß zurück, demzufolge in Ungarn alle Vorzugsabiturienten ohne Rücksicht auf die Konfession die Hochschule beziehen dürfen. Die deutschen Universitäten leiten daraus die Folgerung, sie brauchten nur diejenigen Bewerber zuzulassen, die ihr Abitur mit Auszeichnung bestanden haben, denn auch in Ungarn selbst würden nur solche zugelassen. Den Rat zu diesem Vorgehen, den eine „ungenannte öhere Stelle" erteilt haben soll, halten wir für beenklich und sachlich falsch. Der ungarische Kultusminister meint offensichtlich ganz etwas anderes, als das, was unsere Universitäten aus seinem Erlaß herauslesen. Er will, wenn schon nicht bei allen Studierenden, so wenigstens bei den Dorzugsabiturienten den Anfang mit einer gerechten Behandlung machen, und will bei dieser Kategorie keine Unterschiede der Konfession mehr gelten lassen. Er sagt nicht etwa, daß lediglich Vorzugsabiturienten hochschulreif sind, er betont nur, daß die qualifizierten Schüler ausnahmslos diese Reise hätten. Hinsichtlich der übrigen soll alles beim alten bleiben, d. h. nur die Nichtjuden werden unbeschränkt zu^elassen, die Juden werden prozentual gesiebt. Für unsere Universitäten besteht kein Anlaß, eine besondere Sichtung des Materials vorzunehmen» nach Maßstäben, die man auch dort drüben nicht verwendet. Selbst wenn übrigens Ungarn tatsächlich eine solche Auslese träfe, läge für uns kein Grund vor, eine Inkonsequenz mitzumachen, die darin bestände, Leute für „reif" zu erklären, ohne sie als reif zu behandeln. Es gilt für unsere Hochschulen immer noch der Grundsatz, daß die Wissenschaft allen denen offensteht, die sich nach den Anschauungen der Kulturnationen die notwendige geistige Vorbildung zu ihrer Pflege angeeignet haben. Erkennt etwa der deutsche Staat das ungarische Volk nicht als Kulturnation an, was ja angesichts des dort herrschenden numerus clausus ' nicht ganz unverständlich, aber im Hinblick auf die mannigfachen kulturellen Austauschbeziehungen beider Völker doch etwas übertrieben wäre. Darum wäre es auch übers Ziel geschossen, wenn man junge Leute, die nach ungarischen Begriffen ..matur" sind, hier für „unreif" erklärte, und damit in die Fußstapfen einer dort gepflogenen Inkonsequenz träte. Die Haltung unserer Universitäten ist im höchsten Grade bedauerlich; man muß übrigens annehmen, daß sich unter den Zurückgewiesenen eine erhebliche Anzahl von Opfern des ungarischen numerus clausus befunden haben. Wir hoffen, daß unsere Universitäten ihren Standpunkt revidieren werden und es nicht dazu kommen lassen, daß sie sonst — sei es auch ungewollt — der ungarischen Reaktion die Bälle in die Hand spielen. R. H. Dev K. C.ev in dev Gemelndepolitik. Mit einer großzügig angelegten und zahlreich besuchten Veranstaltung, deren Gedankengänge aus obiger Lhemastellung entnommen wurden, erösfnete der Berliner K. C. kürzlich die diesjährige Wintersaison. Die Darlegungen und Probleme, die dort ur Sprache kamen, beanspruchen weit über den okalen Rahmen hinaus im gesamten Verbände allgemeines Interesse. Es handelte sich nicht darum zu zeigen, was leisten irgendwelche bestimmten K. C.er in oer Gemeindepolitik ihrer Heimatorte. Die Frage lautete ganz allgemein, wie soll der K. C.er überhaupt sich in der jüdischen Gemeindepolitik verhalten? Welche