KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7-8 (31.8.1929)
- Date
- 1929-08-31
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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63 Iggsol flkademifcfie und öligem. Dacfmchten laisal Ualimral sozialistische Konimiklnv. Nichts wäre verfehlter, als die klugen zu verschließen vor Tatsachen, die durch eine Vogelstraußpolitik nicht aus der Welt geschafft werden. Daß die Nationalsozialisten allenthalben im Lande die Saat ihrer üppig entfalteten Hetze aufgehen sehen, ist nicht hinwegzuleugnen; die Ziffern der verschiedenen Parlamentswahlen in jüngster Zeit sprechen eine beredte Sprache. Die gleiche Erscheinung, die in der allgemeinen Politik zutage tritt, taucht auch auf dem Gebiet der Hochschulpolitik auf. Erst kürzlich haben die Nationalsozialisten in Heidelberg beträchtlichen Zuwachs erfahren. Das muß in mehr als einer Beziehung überraschen. Heidelberg zählte bis vor kurzem zu den Bewahrern der gemäßigten, loyalen Denkungsart. Allerdings hatte bereits Ende Juni ein "Umschwung, um nicht zu sagen, Umfall, sich angebahnt. Während noch am 13. Juni der Heidelberger Allgemeine Studentenausschuß einstimmig eine Resolution beschloß, in der die Schaffung einer Gesamtstudentenschaft, unter betonter Ausschaltung aller Partei- und rassenpolitischer Gegensätzlichkeit, erstrebt wurde, protestierten wenige Tage später plötzlich die Korps und Burschenschaften gegen diese Entschließung, die ihre eigenen Vertreter mit zustande gebracht hatten. Mit einem Male schlug ihnen wieder das nur zu teutsche Herz, das nicht von) seinen Rasseunterschieden lassen mochte. Und als der Monat Juli kam, da war die nationalsozialistische Hochflut da. Erstaunlich ist dies noch aus einem anderen Grunde. Das Wiedererstarken des Nationalsozialismus in der allgemeinen Politik wird von vielen auf Motive zurückgeführt, die hauptsächlich im Wirtschaftlichen wurzeln; sicherlich hat die Verbitterung und Verzweiflung der stets Enttäuschten so manchen Mißvergnügten in die Arme derer getrieben, die mit neuen Verheißungen aufwarteten. Die Parallelerscheinung in der Hochschulpolitik scheint dieser These einen gelinden Stoß zu versehen. Es scheinen also doch Fragen rein doktrinärer Art zu sein, die zurzeit die politische Luft' schwängern, und der politische Bazillus des Nationalsozialismus scheint noch nicht abgestorben. Wir glauben aber, daß für die Hochschulpolitik die Dinge grundsätzlich anders liegen. Sicher ist, daß für den Studenten die Wirtschaftuche Frage keineswegs die gleiche Bedeutung hat, wie für manch einen, der allgemein-politisch sich zum Nationalsozialismus bekennt. Rekrutiert sich doch die Studentenschaft überwiegend nicht aus den Kreisen, die so schwerwiegende wirtschaftliche Erschütterungen mitgemacht haben, wie beispielsweise Alirentner und Kriegsanleihebesiher. Das Vordringen des Nationalsozialismus in der Studentenschaft ist aber noch kein Beweis für die entsprechende Färbung der allgemeinen Tagespolitik. Man bedenke die völlig unterschiedliche Struktur des studentisch-politischen Systems. Vor allem sind es die Achtzehn- und Neunzehnjährigen, die für die allgemeine Parlamentswahlen ausfallen, aber ein großes Konligent der Hochschulwähler stellen. Gerade in diesem Alter der ersten Akademikerbegeistcrung verführt jugendlicher Eifer oft zu heißspornrger Ueberspannung. Welches andere Lebensalter denn sonst berauscht sich so gern am tönenden Wort, und erhitzt sein Gefühl am Feuer helleuchtender Zukunftsträume! Bedauerlich nur, wenn die natürliche Reinheit dieses Begeisterungsfeuers etrübt wird durch das Gift der Verhetzung und Berlendung, und noch bedauerlicher, wenn auch die späteren Lebensalter zuweilen das Erwachen aus dem Rausch der ersten Studentenjahre vergessen. „Im Herzen zeitlebens ein Student" zu bleiben, ist ein schönes Ideal, das Victor Scheffel in blumigen Worten gefeiert hat, aber er hat sicherlich dabei mehr an Begeisterungsfähigkeit und Tatendrang gedacht, als an Jugendtorheiten und Unverstand, an Kinderkrankheiten, gegen die uns fortschreitende Erfahrungsreife allmählich immunisieren soll. Immerhin, solange dies der tiefere Grund für das Anschwellen des studentischen Nationalsozialismus ist, sollen wir auch auf der anderen Seite die Gefahr nicht überschätzen. Noch immer behalten auf der Welt letzten Endes die Leute mit dem kühlen Kopf die Oberhand; aber jugendlicher Fanatismus hat schon manches Porzellan zerschmettert, und auf alle Fälle zeigt der Ausfall der letzten deutschen Hochschulwahlen, daß die Zeit des Ausruhens für uns noch nicht gekommen ist. Wir werden auf der Wacht sein müssen, und in der nächsten Zeit mehr denn je die innere Einheit und die Konzentration auf die ursprünglichsten Aufgaben unseres Verbandes nötig haben. R. H. Mas liest dev deutsche Student? Der „Bayerischen Hochschulzeitung" entnehmen wir eine Zusammenstellung über die Frequenz der Münchener Bücherei moderner Schriftsteller, der Bibliothek, aus der die dortige Studentenschaft ihren Lesebedarf deckt. Die Zusammenstellung kann als symptomatischer Durchschnitt gelten und soll hier zum Teil wiedergegeben werden, weil sie über die Geschmacksrichtung oer Studentenschaft interessante Aufschlüsse gibt. Die Statistik erstreckt sich auf 5 Monate des Wintersemesters 28/29. In dieser Zeit wurden an 430 Studierende 4885 Bücher ausgegeben. Viele Bücher sind in diesem Zeitraum sehr oft verlangt worden. Die Statistik stellt über die Häufigkeit des Verlangens nach einem bestimmten Buch eine Tabelle auf, an deren Spitze Werfels „Abituriententag" steht. Das Buch ist in den 5 Monaten 139 mal verlangt worden, also nahezu jeden Tag. Es folgt Lindsey: „Kameradschaftsehe" (102 mal), Hamsuns „Landstreicher" (101 mal), .Deutsche Erzähler der Gegen- (98), Wassermann: „Marizius" (94), Thieß: „Die Perdammten" (93), Sinclair: „Petroleum" (89), Klabund: „Borgia" (66) usw. Insgesamt sind 26 Posten aufgezählt, als letzter Bindings Keuschheitslegende (31). Zu erwähnen ist noch, daß an 11. Stelle Zweigs „Erischa" (77) sich findet. Betrachtet man die Reihe, so kann man der Münchener Studentenschaft nur gratulieren zu dem bewiesenen guten Geschmack. Eine Tatsache stimmt uns nachdenklich. Von den 26 Posten der statistischen Reihe' hält' den ersten Platz der Jude Werfel; die Juden Wassermann. Klabund, Arnold Zweig verteilen sich in der ersten Hälfte bis zum elften Platze stehen also insgesamt an der Spitze. Auch in der an dritter Stelle verlangten Sammlung „Deutsche Erzähler der Gegenwart" ist das jüdische Element (Döblin, Schnitzler, Georg Herrmann) vertreten. Was sagen dazu die nationalsozialistischen Kommilitonen? Vielleicht ist unter den 430 Benutzern