KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7-8 (31.8.1929)
- Date
- 1929-08-31
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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61 Sirmmnngsbttder vom 80. Stiftungsfest dev Rherro-Silesta. l. Gegensätze. Samstag Vormittag IIV2 Ahr. Akademische Feier im würdigen Saal der Lese! Langsam füllt sich der Raum. Sehr viele Alte Herren und KarteÜbrüder sind noch nicht erschienen. Die Rheinfahrt und die Kneipe scheinen mehr zu locken als akademische Feier und Generalkonvent. Doch gehoben, im wörtlichen und übertragenen Sinne sehen wir den Aufmarsch der Chargierten an, legen die Hand ans Tönnchen, Brust 'raus, Bauch 'rein — wie einst im Mai! Erschienen sind eine Anzahl Philister und der Erstchargierte, Otto Baruch, kann in dem ihm eigenen Schneid einen dreiviertel gefüllten Saal unter Hervorhebung einiger Stühle mit dazu gehörigen besonders würdigen Besitzern zur Feier des 30. Stiftungsfestes begrüßen. Walter Blank spricht! Ruhig sympathisch, überzeugend, getragen von der Schwungkraft idealer, hoher Gedanken; dabei doch diplomatisch und manchmal vorsichtig zurückhaltend! Wir Jungen freuen uns unseres Führers, der da zu uns spricht, er versteht uns und unsere Seele, unsere Ziele und unser Fühlen. Erhebend immer wieder sein Bekenntnis zu Deutschtum, Judentum und den Menschheitsidealen, zur humanitas, zu Recht, Freiheit und Brüderlichkeit. Seine Worte wirken, fallen wie Samen in unsere Herzen. Mögen sie bei allen Wurzel schlagen! Interessant der Gegensatz: Dr. Alexander, der an Stelle des verhinderten Ludwig Holländer die Festrede übernommen hat. Hier der Jurist — eben der Mediziner, hier der ins Einzelne gehende grüblerische Geist — dort der in großen Zügen denkende Mensch, hier der Traditionsgebundene und -verwurzelte — dort sich frei Machende von Idealen Beschwingte, hier Alexander — dort Blank. Ich kann mir nicht helfen, aber Blank versteht Jugend besser als Alexander. Alexanders tiefschürfende Ausführungen, glänzend stilisiert, hinterlassen Kühle — Blank dagegen feuert an. Die Jugend, Alter Herr Alexander, denkt über Tradition anders als Siel „Tradition ist Schlendrian", sagt Siegfried Ochs, der große Musiker, einmal, überscharf pointiert. And. damit hat er nicht ganz unrecht. Wie der Rektor Magnificus, Prof. Dr. Rademachcr, seinen Vorredner übergeht und auf den Worten seines „ersten Herrn Vorredners" aufbauend Brücken über jenen zu uns schlägt, das muß man erlebt haben. Langsam, im schwarzen Rock, besteigt er das Podium, jeder Zoll ein Priester, ein Typ, in Haltung und Sprache! Ausgeglichen und tolerant! Geehrt und uns ehrend durch sein Erscheinen! Er spricht ruhig, fast leise, aber mit eindringlicher Kraft. Es beglückt, wie er „ohne sich in unsere Derbindungsangelegenheiten zu mischen, die unbedingte Satisfaktion als einen auszuscheidenden Fremdkörper in dem Organismus unserer Verbindung charakterisiert". Höhepunkt der Feier ist unser Spruch aus dem Munde dieses wahren Priesters: Nunquam retrorsum! Vivat floriat crescat Rheno-Silesia in aeternum. Darauf herzlicher Beifall! Die Chargierten rasseln mit ihren Schwertern! And dann wieder interessant der Gegensatz zu dem katholischen Priester in Gestalt des Bonner Rabbiners Dr. Levh. Bei ihm alles gebändigtes und geballtes Temperament. Er ist Erscheinung! Er wirkt durch seinen Anblick — und bringt uns Glückwünsche, Glückwünsche der Synagogengemeinde, der Louis-Philippsonloge, des R. I.F. und, last not least, des C. V. „Nicht durch Kraft, nicht durch Gewalt, sondern durch den Geist", .ruft er uns zu. Wir wollen das alte Bibelwort befolgen. Dann Schlußwort des Erstchargierten, und dann, wie zu Beginn der Feier, kleine Parade der Chargierten, wobei nicht unerwähnt bleiben möge, da viele Kartellbrüder sich für derartiges interessieren, daß die Vineta, die eingangs am Schluß chargierte, beim Herausgehen an erster Stelle chargierte. Die akademische Feier ist zu Ende: sie ist würdig in ihrem Verlauf gewesen und wird hoffentlich nachhaltig in ihrer Wirkung sein. II. Romantik?. Nachmittags 4 Ahr Kaffee im Stadtgarten. Bei herrlichem Sommersonnenschein sitzen wir an historischer Stätte, neben uns der alte Zoll mit dem Vater Arndt-Dentmal, gegenüber die sieben Berge, von Sonnenglast umglänzt, wie immer „zieht dabei der majestätische Strom sein silbernes Band durch die grünen Auen", und in der Vibration der Sommersonnenluft liegt über uns ein wenig von der alten Studentenromantik, viel gescholten und oft lächerlich gemacht, aber keiner von uns kann sich dem entziehen. HI. Blauer Dunst. Der Generalkonvent steht im Zeichen des blauen Dunstes. Dichte Rauchwolken von nicht endenwollenden Zigarren unserer Alten Herren, legen sich auf uniere Lungen und, so glauben wir. auf die Geister unserer Alien Herren. Üeber den Antrag der Verbindung zum Generalkonvent müssen wir eine zweistündige Geschäftsordnungsdebatte über uns ergehen lassen. — Blauer Dunst! Wir bewundern Eure Jugendlichkeit und Eure Frische, mit der Ihr noch Geschäftsordnungsdebatten führen könnt. Aber was kommt dabei heraus? — Blauer Dunst. Der Höhepunkt der Geschäftsordnungsdebatte ist erreicht, als bei einer zweifelhaften Abstimmung jemand das Wort vom Hammelsprung spricht. Das ist es ja, wir nehmen die Geschäftsordnung nicht wichtig genug. Wir machen unseren Hammelsprung» dann fühlen wrr uns wie im Reichstag. Hurra! Inzwischen bemüht sich der Ventilator vergebens, frische Luft zu schaffen, und wer die Vergeblichkeit der Bemühungen eines Ventilators, Lücken in den Rauchschleier eines mit blauem Dunst geschwängerten Saales zu reißen, einmal erlebt hat, erkennt oie Tragik eines solchen kleinen Instrumentes mit der sanft einlullenden gleichmäßigen Stimme. Er ist nicht zu vertreiben, der blaue Dunst. Der Erfolg der Debatten ist eine Kommission. „Es kreisen im Geschäftsordnungswehen die Männer, und hervor kommt die Mißgeburt einer Kommission." O, wir Jungen sind pessimistisch! Ihr habt uns nicht geholfen auf dem Generalkonvent, unsere Sorgen habt Ihr nicht zu den Euren gemacht» Ihr habt uns vorgemacht — blauen Dunst. Nur einmal scheint, wenn man so sagen darf, das Morgenrot eines neuen Tages bei den scharfen Worten eines Inaktiven anzubrechen. Doch der blaue Dunst ist zu zähe. Das Morgenrot dringt nicht durch. Wir knirschen mit den Zahnen, Du blauer Dunst!