Mannheim
Compact Memory

KC-Mitteilungen · 1929-02-22 · Heft 1-2 (22.2.1929) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Mitteilungen
Volume
1929
Issue
Heft 1-2 (22.2.1929)
Date
1929-02-22
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2822870-2822924-2822925--585-2823630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 reicher. Der König, der der erste Diener seines Staates sein will, ist der Schöpfer einer modernen Staatsauffassung, die sich durchgesetzt hat. Der absolute Herrscher in Preußen und die demokratische Nepublick im Frankreich der großen Revolution gehen vom gleichen moralischen Staatsgrundsatz aus: Der Verantwortung gegenüber dem Volk. Mag auch der deutsche Staatsgedanke beseelter, inniger und lebendiger sein, als die abstrakte, rechtsphilosophische, formal-alogische Staatsauffassung der westlichen Demokratien — in diesem Punkte sind sie gleich. Von christlichen Gedanken ist nicht die Spur in ihnen enthalten. Schmadel hat vom Volkstum gesprochen. Man mag mit ihm mitgehen; aber wie läßt sich der Begriff festlegen? Durch abstrakte Konstruktionen? Oder ist nicht das Verhalten der deutschen Juden in der Tschechoslowakei ein schlagender Beweis für das deutsche Volkstum weitester jüdischer Kreise? Wenn sich die jüdischen Studenten gleich nach der Gründung des tschechischen Staates in die Matrikeln der tschechischen Republik als National- Deutsche eintragen, zur Zeit einer wilden Deutschen-Feindschaft Schwierigkeiten und Nachteile auf sich nehmen, ohne auch nur die Möglichkeit eines wirtschaftlichen oder anderen Vorteils zu sehen — wenn sie auf die deutschen Hochschulen gehen, sich dem dort üppig wuchernden Antisemitismus aussetzen, den man auf den tschechischen Universitäten nicht kennt — warum tun sie dies? Einem deutschen Staat gehören diese Juden nicht an. Sie sind Bürger der tschechoslowakischen Republik. Was kann sie also zur Eintragung in die deutschen Matrikeln anderes veranlassen als ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum? Die Zeit vergeht beim Debattieren. Bevor man sich versieht, ist der vorletzte Tag der Konferenz gekommen. Man sieht sich an: Was soll nun eigentlich werden? Man beginnt über praktische Folgerungen zu sprechen. Diskussionen über Fragen des Mittelalters, der Religion, der Staatsidee führen nicht weiter. Wo kann man anpacken? Wo kann vor allem ein studentischer Kreis anpacken? Man glaubt feststellen zu dürfen, eine der Wurzeln der antisemitischen Bewegung ist überall in der wirtschaftlichen Bedrängnis der Völker zu sehen. Hier kann zunächst etwas getan werden. Es wird auch etwas getan werden. Wenn sich das Weltstudentenwerk mit dem Internationalen Institut für studentische Selbsthilfe und Gemeinschaftsarbeit zusammentun will, um überall praktische Arbeit in gemischten Kommissionen für die wirtschaftlichen Fragen zu veranlassen, so wird dies keine Redensart bleiben. Daneben aber wird die Arbeit der Konferenz von einer internationalen und interkonfessionellen Kommission weitergeführt werden. Sie sammelt Material, beobachtet was geschieht, und bereitet einen neuen Kongreß vor, der in absehbarer Zeit in der Schweiz zustande kommen dürfte und weitere, wichtige Arbeit zu leisten berufen ist. Wieder steht man aus dem kleinen Bahnhof von Boissy la Riviere. Die Skepsis ist verflogen und die Gegend sieht freundlicher aus. Man hat einen Gewinn von der Konferenz. Nicht nur, weil man liebenswürdige, interessante Menschen kennengelernt hat, nicht nur, weil man vieles gehört und gesehen hat, was einem sonst fremd geblieben wäre. Es ist irgendwie, trotz aller Betonung eigener religiöser, nationaler, weltanschaulicher Auffassungen, trotz aller Gegensätzlichkeiten, in allen ein Gemeinsames zutage getreten. Es ist wohl der jugendliche Geist, der Schwierigkeiten zu erkennen sucht, um sie zu überwinden, Sieger in Bierville geblieben. Sonst gäbe es keine Sieger und keine Besiegten. Man hat sich nur gefunden als Bundesgenosse im Kampfe gegen etwas Bekämpfenswertes: den Unfrieden nämlich, der nicht naturgegeben ist. Selbst ein Rumäne begann am letzten Tage seine Rede mit den Worten: „Chers amis“. Dies war nicht bloß gesagt, mindestens war es gedacht, vielleicht sogar gefühlt. Und wäre das Letzte schon viel, so ist auch das Erste nicht wenig. Die „Vossische Zeitung" vom 19. Februar 1929 teilt mit, daß der völkische Studentenausschuß an der Universität Berlin (gemeint ist wohl die sogenannte Allaemeine Studentenschaft) einen interessanten Beschluß gefaßt habe. Es seien nämlick die Verhandlungen der Deutschen.Studentenschaft mit derkederation lnternationale des Etudiants mißbilligt worden und ferner die Entsendung des Vorsitzers der D-utschen Studenten» schaft Schmadel. zu der Internationalen Konferenz in Bierville. Die Berliner völkischen Studenten sollen aus diesen Gründen die Abberufung Schmadels mit großer Mehrheit verlangt haben. Diese Notiz, für deren Richtigkeit wir der „Vossischen Zeitung" die Verantwortung überlassen müssen, gibt immerhin zu denken. L. L. K. C.-Anwalte, unterstützt Euch! Von Rechtsanwalt und Notar Ernst Friedl a e n d e r (Frib.-Ghib.), Berlin. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Anwaltschaft sind in den letzten Jahren im allgemeinen ungünstiger geworden. Anstellungsverträge und „Haus"Notariate verhindern in den größten Städten die wünschenswerte Verteilung der Aufträge. So führt der Geschäftsleiter des Deutschen Anwaltsvereins, dem die bei weitem überwiegende Zahl der deutschen Rechtsanwälte angehört, Rechtsanwalt Dr. Heinrich Dittenberger in Leipzig, in Heft 1 der „Juristischen Wochenschrift" vom

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.