KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 1-2 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Menge gekommen. Entweder ärmstes Proletariat oder Kleinbürgertum, das auf die Hochschulen drängt. Die Rumänen, Bauern überwiegend, geraten ins Hintertreffen. — Von 14000 Studenten können angesichts der ungünstigen wirtschaftlichen Lage nur etwa 4000 ihr Studium beenden. Von diesen 4000 sind, so erzählt man, 60 Prozent Juden. Es ist verständlich, daß sich dort etwas regt. Aber ist es notwendig, daß die Reaktion Formen annimmt, wie sie dort aufgetreten sind? Muß Blut fließen? Muß ein jüdischer Student sein Leben lassen? — An diese Vorfälle wird in der Tagung erinnert, nicht gerade zur Freude der rumänischen Vertreter. Einer gibt seinem Anwillen überdeutlich Ausdruck. Es sei leichtfertig, von geflossenem Blut zu sprechen. Die Rumänen hätten keine Schuld, sie machten keine Pogrome. Dem mag sein wie es wolle, aber was soll man dazu sagen, wenn man hören muß — in ernster, tiefgründiger Unterhaltung zwischen Akademikern: Eine Versöhnung sei auf Erden unmöglich, denn Gott habe die Juden verworfen; er befinde sich im Kampf mit ihnen. Das Blut Christi stehe zwischen beiden Parteien. And weiter: die Juden erstrebten die Niederlegung aller Grenzen; ihre Heimat sei die Welt. Deshalb müßten sie von den anderen Nationen als Todfeinde bekämpft werden; hänge doch das Leben aller anderer Völker an den Grenzen, durch die sie zusammengehalten und zusammengeschweißt werden. Deshalb müsse auch der Kampf aller national empfindenden Menschen gegen die „jüdische Erfindung des Paneuropa" gerichtet sein. — Die Diskussionen gehen über diese Reden bald hinweg. Allerdings ist man überall entsetzt; viel Freunde werden die Rumänen nicht gefunden haben. Bis auf einen vielleicht, der sich ehrlich bemüht, objektiv zu denken, der sich menschlich zu fühlen zwingt und auch praktische Arbeit in ausgleichender Richtung zu leisten bereit scheint. Andere Länder, anders geartete Probleme. Amerika mit seinen drei Arten von Universitäten. Staatliche und städtische Hochschulen kennen keinen Antisemitismus, wenn auch auf der städtischen Universität von New Pork nicht weniger als 80 Prozent Juden sind. Privatuniversitäten haben de facto meist eine numerus clausus von 10 Prozent. Studentenklubs nehmen Juden im allgemeinen nicht auf, aber einen guten Fußballspieler oder einen Baseballcrack in seinen Reihen zu zählen, wird jedem Klub eine Freude sein; bei ihnen fragt er nicht nach der Religion. Für Amerika ist die Frage klein und unbedeutend. Der numerus clausus in den Privatuniversitäten stört nicht; es gibt ja noch 600 andere Universitäten. Das Alkoholproblem, das Negerproblem und so viele andere Fragen bewegen das allgemeine Interesse viel, viel stärker, als gerade die mit den Juden zusammenhängenden Fragen. Mitteleuropa — das ist vor allem Deutschland. Denn das österreichische Problem, so unlösbar und schwierig es scheinen mag, ist ein Uebergangsproblem, dessen Schärfen sich im Augenblicke des österreichischen Anschlusses an das Reich mildern werden. Hier kommt es zu Debatten, in denen der Vorsitzende der Deutschen Studentenschaft, Schmadel, eine bedeutende Rolle spielt. Er spricht freimütig und ernst. Die häufigen Erscheinungen des Antisemitismus auf den Universitäten, die den K.C. so oft beschäftigt haben, wie Zusammenstöße beim Chargieren und derartiges, sind ihm mit Recht nur sekundäre Erscheinungen — mögen sie auch örtlich und im Augenblick von Bedeutung sein. Bei der Konferenz gelte es, tiefer zu schürfen. Weshalb gibt es Antisemitismus in Deutschland? Schmadel meint, weil in Deutschland, vom Mittelalter her, noch heute der Gedanke vom christlichen Staat lebendig sei. Dieser Gedanke habe seinerzeit das Ghetto geschaffen; dessen Mauern seien zwar gefallen; die Welt habe eine brutale Einrichtung weniger. Aber wichtig sei auch heute der religiöse Unterschied und die daraus sich ergebende Verschiedenheit im staatlichen Denken. Hier offenbare sich die Abgrenzung vom deutschen Volkstum. Was ist eigentlich dieses Volkstum? Es deckt sich nach Schmadel nicht mit der Rasse. Religiöse, kulturelle Gegebenheiten spielen die wesentlichere Rolle. Die Rasse sei nur eine Komponente, keineswegs ausschlaggebend, wenn auch nicht bedeutungslos. — Interessant, diese Ausführungen zu hören; interessant vor allem, ihre Wirkung auf die aufmerksame und gefesselte Zuhörerschaft zu beobachten; steht man auf und versucht, diese Auffassungen zu widerlegen, setzt man in persönlichen Unterhaltungen diese Gedankengänge weiter fort, tauchen immer wieder neue und immer wieder anregende Fragen auf, und stets beginnt ein neuer Disput, anders wiederum geartet, aber gleichstark fesselnd. Hat Schmadel recht, wenn er sagt, in Deutschland habe der christliche Staatsgedanke tiefere Bedeutung? Ist nicht vielmehr diese Idee erst im Mittelalter dem deutschen Volke aufgezwungen worden? Haben nicht die Kämpfe zwischen Kaisertum und Papsttum bewiesen, wie sehr sich der Deutsche gegen das theokratische Staatsideal wehrte? Ist nicht eigentlich der Gedanke vom theokratischen Staat die jüdische Staatsidee aus der Bibel? — Wie es auch immer sein mag: Friedrich der Große hat sich den ersten Diener seines Staates genannt; er hat nicht von Stellvertretung Gottes auf Erden gesprochen. Hätte man ihm von christlichen Staatsideen geredet, wäre die Welt wohl um ein bon mot von ihm