KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 1-2 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Seine Antwort war kurz, knapp und für Frankreich zutreffend: Die große französische Revolution hat die Frage entschieden: widerte, egalite, fraternite. — Je weiter man nach Osten kommt, je weniger ist die Assimilation der Juden durchgeführt. In Deutschland nicht so stark wie in Frankreich, und in Polen, Ungarn und Rumänien noch weniger. Irgend jemand spricht es mit einer leisen Zurückhaltung aus: Die Reibungen zwischen Juden und Nichtjuden stehen im umgekehrten Verhältnis zur Höhe der Kultur des betreffenden Landes. Man mag Deutschland vielleicht hierbei ausnehmen — sonst, man denke z. B. an Rumänien, scheint dieser Gedanke seine Richtigkeit zu haben. — In den Ostländern also sind die Reibungen am größten. Es ist ja kein Wunder, sitzen doch dort die Juden in großen Mengen dicht beieinander, haben sie eine eigene Kultur hervorgebracht, sprechen sie ihre eigene Sprache, leben sie nach ihren eigenen Lebensformen und kulturellen Gesetzen. Prof. Hersch fragt: Warum zieht man nicht aus alledem die Schlußfolgerung, die sich fast von selbst ergibt? Warum gibt man nicht den Juden die Rechte einer nationalen Minderheit im Staat? Hat eine solche Minderheit die Möglichkeit freier Entfaltung ihrer eigenen Kultur, beläßt man ihr sonst alle politischen und sonstigen Rechte im Staat, dann ist der Gegensatz zwischen den Nationen zwar nicht gemildert, ihr Verhältnis zueinander wird aber ein anderes; sie brauchen nicht mehr gegeneinander zu kämpfen. Alles wird ruhiger und dauerhafter. Die Gefahr, die sonst nationale Minderheiten dem Staat, in dem sie leben, immer bringen, die Gefahr einer Jrredenta fällt bei den Juden fort. Noch ein drittes Referat wird gehalten: über jüdischen Mystizismus. Von Josoe Jehuda, einem in Frankreich lebenden jüdischen Schriftsteller, der — wie es scheint — in kulturellen und religiösen Fragen eine ziemliche Außenseiter-Auffassung besitzt. Was er sagt, mag recht interessant sein; nur gehört es keineswegs auf diese Tagung. Ob der Mystiker der einzige Realist sei — wie Jehuda in einem Privatgespräch sagt — und ob er deshalb eine Berechtigung zur Teilnahme an einer Tagung dieser Art besitzt, mag dahingestellt bleiben. — Der Mystiker als Realist — dem Realisten erscheint dies freilich mystisch. Interessanter vielleicht als alle diese Vorträge sind die Diskussionen, die sich daran knüpfen. Es ist gar nicht so leicht für den Ungeübten, sich in das Gewirr der verschiedenen Sprachen hineinzufinden. Der erste spricht deutsch, der zweite französisch, der dritte englisch. Wenn auch eine der jungen Studentinnen und die Herren vom Weltstudentenwerk eifrig und mit außerordentlichem Geschick jedesmal die Uebersetzungen in die anderen Sprachen vornehmen, man muß ja doch den eigentlichen Vortrag mitanhören; der persönliche Eindruck und das Fluidum, das vom Redner ausgeht, ist von keinem noch so geschickten Dolmetscher zu ersetzen. Jetzt in der Debatte und während der Unterhaltungen, während der Pausen, bei Tisch, den täglichen Spaziergängen — auch am Silvesterabend bei einer Flasche Sekt — zeigt sich, daß der Gedanke der Tagung richtig ist. Einer der Teilnehmer spricht es aus: Die Jugend will weiter, will alle als schlecht erkannten Zustände bessern. Daß die Kämpfe um die Judenfrage an den europäischen Hochschulen zu den schlechten Dingen gehören, daß die in der Luft liegende Spannung beseitigt werden muß, ist jedem klar. Daß mit Massenbewegungen hier nicht zu helfen ist, ist nicht weniger zweifellos. „Masse" steht im Gegensatz zum „Studenten", denn Masse tötet die Geistigkeit und die Individualität. Was ist aber Studieren anderes als die Entwicklung einer eigenen selbstgeformten Geistigkeit? In den Diskussionen hört man Meinungen von einer Verschiedenartigkeit, daß einem hin und wieder das Grausen ankommt. Wie soll aus diesem Wirrwarr von Ansichten auch nur eine mittlere Linie gefunden werden? Denn nur daraus kann es herauskommen. Vertritt doch jeder seinen Standpunkt mit einer Energie sondergleichen. Dabei stellt man erfreut fest, daß im allgemeinen die Verhandlungsart und die Verhandlungsdisziplin mustergültig ist. Interessant ist, die Verschiedenheit der einzelnen Länder bei den Reden zu beobachten. Es ist wohl ein Zeichen für die tatsächliche Assimilation der Juden, wenn ihre Sprechart im wesentlichen der ihrer nichtjüdischen Volksgenossen gleicht. .Der Engländer und Deutsche spricht ruhig, sachlich, trocken. Die romanischen Völker pathetisch, etwas theatralisch, mit großen Gesten und schwungvollen Bildern. Die Slawen ganz verschieden. Die Polen, die sich gegenseitig übrigens aufs schärfste bekämpfen und als einzige das ordnende Eingreifen des Präsidenten erforderlich machen, fallen hin und wieder durch eine etwas ungezügelte Verhandlungsart auf. Und die Rumänen...? Sind überhaupt ein Kapitel für sich. Rumänische Juden sind nicht da, dagegen drei Nichtjuden. Hervorragende Redner sämtlich, die ein beneidenswertes Französisch sprechen. Gemäßigte Antisemiten — wie man sagt — wenn auch in ihren Auffassungen recht verschieden. Gewiß, in Rumänien sind die Fragen kritischer als sonstwo, schwerer zu lösen. Das Land, das der Friedensvertrag in seinem Umfange verdreifacht hat, hat den Zuwachs noch nicht verdaut. Mit dem neuen Lande sind neue Juden in großer