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KC-Mitteilungen · 1929-02-22 · Heft 1-2 (22.2.1929) · p. Seite 7

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Journal
KC-Mitteilungen
Volume
1929
Issue
Heft 1-2 (22.2.1929)
Date
1929-02-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 Am ersten Abend kann man von Eindrücken noch nichts verspüren. Man geht umeinander herum, stellt sich vor, verwechselt sich noch gegenseitig. Eine gewisse Befangenheit liegt über dem Ganzen, die sich nicht abstreifen lassen will. Man weiß nicht so recht warum und weshalb das alles — aber man ist da, und jeder wohl ist auch irgendwie guten Willens. Erfreulicherweise ist die akademische Jugend nicht ganz auf sich gestellt. Bor allem zwei Referate geben das wissenschaftliche Rüstzeug der Tagung. Leider ist insofern ein Unglück geschehen, als die beiden Hauptredner, Prof.Oualid von der Sorbonne und Prof.Hersch von der Universität in Genf, sich vorher über die Abgrenzung ihrer Referate nicht einig waren. So kommt es zu Ueberschneidungen und Improvisationen, die — so glanzend sie im einzelnen auch durchgeführt sein mögen — doch eine gewisse Belastung des Kongresses darstellen. Pros. Oualid spricht am ersten Tage. Er gibt Zahlen; die meisten kennt man schon. Ihre Zusammenstellung ist interessant und anregend. Er kommt zu dem Ergebnis, daß, auf Grund der geschichtlichen Entwicklung, die Juden nur in einer geschlossenen Reihe von Berufen tätig sind, vor allem solchen, die sich im Hause ausüben lassen. Er stellt weiter fest, daß die Juden — wenigstens im Osten Europas — in großen Mengen aufeinandersitzen, und auf diese Weise die Reibungsmöglichkeit zwischen ihnen und der Umwohnerschaft unnötig verschärft wird. Er meint, daß man versuchen solle, eine Aenderung dadurch herbeizuführen, daß man innerhalb der Landesgrenzen eine örtliche Neuverteilung der Juden anstrebt, sie gewissermaßen auflockert und in einer gleichmäßigen, dünnen Schicht über das ganze Land verteilt. Hand in Hand damit müsse die Umschichtung innerhalb der einzelnen Berufe gehen; hierbei sei vor allem auf die Tätigkeit der Juden in der Landwirtschaft besonderes Augenmerk zu richten. Das Referat des Prof. Hersch, im Vortrag viel weniger glanzvoll, macht auf alle Teilnehmer einen ungleich tieferen Eindruck. Hersch ist Spezialist für die Lehre von der Wanderung der Völker und seine Werke aus diesem Gebiete sind grundlegend. — Es ist eine ästethische Freude, seinen ruhigen, sachlichen Vortrag zu hören, und es ist eine Ueberraschung und ein Vergnügen, ihn später in der Debatte eine scharfe Klinge schlagen zu sehen — schneidig und elegant, dabei nie verletzend und gar nicht mehr professoral. — Mag es auch ein Fehler sein, daß beide Hauptreserenten Juden sind: die Wahl des Pros. Hersch als Hauptredner ist ein guter Griff des Weltstudentenwerkes. Jeder Teilnehmer freut sich, einem solchen Manne zuhören zu dürfen. Dabei braucht man durchaus nicht mit allem einverstanden zu sein, was Prof. Hersch sagt. Er schildert zunächst rein wissenschaftlich den Gang der Wanderung der Juden vom Heiligen Lande über Italien und Spanien nach Frankreich und Deutschland und von dort aus weiter nach Osteuropa. Er deckt die volkswirtschaftlichen Untergründe auf, die vor Jahrhunderten zur Berufung der Juden nach den östlichen Ländern führten; aus ihnen läßt sich die heutige schwierige Lage zwanglos erklären. Er schildert die Lage der Juden in den Ostländern, die wirtschaftlich überwiegend schlecht und meist jammervoll ist. Alles, was er sagt, belegt er mit Zahlen, die nicht anzusechten Jini). Er sucht nach Lösungen. Palästina ist keine Lösung. Ein Land, das dreiviertel so groß ist als die Schweiz, kann selbst bei höchster Kulturentwicklung nicht mehr Menschen aufnehmen als heute in der Schweiz wohnen. Legt man diesen Maßstab zugrunde, so ist in Palästina einschließlich Transjordanien Platz für höchstens zwei Millionen Juden; d. h. etwa nur für ein Achtel der lebenden Judenheit überhaupt. In Palästina wird aber nicht einmal erreicht werden, daß auch nur die Mehrheit seiner Bevölkerung Juden sind. Palästina kann, wie sich in den letzten Jahren gezeigt hat, nur 5—6000 Juden im Jahr absorbieren. Der natürliche Zuwachs der Nichtjuden aber beträgt z. Zt. etwa 15 000 Seelen jährlich. Es ist unmöglich, die Einwanderung der Juden entsprechend zu steigern. Wenn Palästina keine Lösung ist, dann bleibt die Assimilation der Juden an die Völker, unter denen sie leben» als weiteres Mittel. Voraussetzung dafür ist die völlige Freiheit der Juden in politischer Hinsicht und bei der Berufswahl. Wenn man versucht, in letzter Zeit die Juden auf dem Lande anzusiedeln, so ist nach Prof. Hersch ein solcher Versuch nicht sehr aussichtsreich. Einmal sind die Juden ein Großstadtvolk. 23 Prozent von ihnen leben in Städten von über 1 Million Einwohnern, 45 Prozent aller Juden in solchen, die zwischen einer halben und einer ganzen Million Einwohner haben. Außerdem ist der Zug vom Lande in die Stadt ein volkswirtschaftliches Gesetz unserer Zeit. Gegen einen solchen Strom zu schwimmen, erscheint kaum aussichtsreich» wenn nicht unmöglich. Im Hinblick auf die Verhältnisse Europas zeigt sich, daß die Assimilation der Juden in den Ländern im Westen, z. B. in Frankreich und Italien, völlig durchgesührt ist. — Hier sei übrigens eine Bemerkung des Prof. Oualid erwähnt. Man fragte ihn, ob er Franzosentum oder Judentum höher schätze. Diese Frage war ihm zum erstenmal im Leben gestellt. Er war aufs Höchste darüber erstaunt.

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