KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 10 (15.10.1928)
- Date
- 1928-10-15
- Page
- Seite 100 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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100 feststellen — wie dann Jahrtausende hindurch diese Ideen im Judentum erweitert und gelebt wurden, so müssen wir sie heute durchdringen, unsere Gemeinschaft in ihren Dienst stellen. Die Erziehungsforderung zum selbstbewußten Juden im Tendenzparagraph bedeutete ursprünglich — das ergibt sich aus der Entstehungsgeschichte des K. C. — so ziemlich den Ausdruck des Willens, nach außen hin sich als Angehöriger des Judentums zu bekennen. Dabei entfiel jede Problematik, welcher Art dieses Judentum sei, zu dem man sich bekennen sollte, durch die Heftigkeit des Kampfes, der damals an den Hochschulen ausgetragen wurde. Die veränderten Zeitverhaltnisse und die Aenderung der Kampfmethoden von der Offensive zur Ignorierung, vom Antisemitismus zum Asemitismus, verlangen heute unbedingt eine positive Stellungnahme in dieser Frage, wenn der K. C. weiterhin lebensfähig sein will. So muß vor allem der Dendenzunterricht dem jungen K. C.er mehr vermitteln als eine jüdische Apologethik, die er nur für den Angriffsfall bereit hält, die ihn aber innerlich gar nicht berührt. Auch im Gemeinschaftsleben der einzelnen Verbindung dürfte die positive jüdische Einstellung mehr zur Geltung kommen. Zwar muß jede kultische Form aus innerster Ueberzeugung heraus geschehen, und es dürfen hier auch keinerlei Vorschriften gemacht werden. Doch habe ich z. B. als sehr wertvoll in dieser Hinsicht empfunden, daß man in unserer Bonner Kartellverbindung den Freitag Abend in beschaulicher Gemeinsamkeit verbringt. Und hier stößt nun unser Problem auf die Frage der indifferenten Einstellung der jüdischen Jugend der Gegenwart in religiösen Dingen, die vor einiger Zeit bereits mein Leibbursch E. Ph. Mannheim an dieser Stelle behandelt hat, und deren Wurzel er in mangelnder Erziehung bzw. Unterrichtung in jüdischem Sinne erkannte. Man würde vielleicht besser den Fehler dahingehend formulieren, daß es unseren Lehrern und Erziehern an dem Verständnis fehlte, uns das Judentum als aktuelle Angelegenheit, als persönliche Forderung zu verlebendigen. Ich glaube nicht, daß es ihnen an dem ehrlichen Willen fehlte, möglichst große Quantitäten jüdischen Wissens zu vermitteln. Mein eigener Religronslehrer wurde dabei von einer förmlichen Manie getrieben, man könne für Lücken seiner jüdischen Bildung später einmal ihm die Schuld zuschieben. Ueber diese Tatsache der religiösen Indifferenz kann der K. C. heute nicht mehr hinweggehen. Er bedarf einer inneren Durchbildung des jüdischen Problems, nur die Synthese von Deutschtum und Judentum, die ja seine inhaltliche Grundlage bildet, wirksam zu erfüllen. Heute, wo nicht nur physisch Beweise unserer Daseinsberechtigung zu geben sind, sondern wo sich der Kampf um die Iudenfrage in der Ideenwelt abspielt, in einer Zeit also, die persönliche Entscheidung fordert, genügt ein reines Trutzjudentum nicht mehr unserer Aufgabe. ‘ Zur Abschaffung des Trink;,varrges in den Corps. Wenn auch nicht zu leugnen ist, daß die Stellungnahme des Kösener S. C. gegen den Trinkzwang nicht den Beginn einer umfassenden Reform des Verbindungslebens bedeutet, so muß es immerhin als erfreulich bezeichnet werden, daß ein in Studentenkreisen so angesehener Verband sich nicht mehr geniert, an oen Säulen der Tradition zu rütteln. Es war nur ein leises Rütteln, aber vielleicht bringt dieses leise Rütteln auch sonst noch irgendwo unter Studenten etwas in Bewegung. And das könnte eine erfreuliche, wenn auch vom Kösener S. C. nicht gewünschte Wirkung sein. Denn nicht, daß da oder dort von einem Corpsbruder weniger Ganze gemeldet zu werden brauchen, ist das Wesentliche, wichtiger ist, daß überall in den Verbänden begriffen wird, daß es auch bei den Studenten Dinge gibt, die sich überleben. Man hat es ja nicht für möglich gehalten, daß nach der politischen Amwälzung von 1918 noch soviel strammer Betrieb in den Verbindungen gemacht werden konnte. Aber in den Kreisen, die diese Amwälzung ja nicht gewollt haben, dachte man gerade „und im Anglück nun erst recht!" And nun spricht man im Kösener S. C. vom Vollpumpen bis zur Bewußtlosigkeit, wo man früher von einem unentbehrlichen Erziehungsmittel sprach. Das ist schon ein kleiner Fortschritt. Wenn das so weiter geht, dann ist zu erwarten, daß selbst der K. C. nach ein paar Jahren, wenn die anderen alle soweit sind, von maßgebender Seite aus ähnliche Beschlüsse faßt. Denn leider herrscht bei uns noch immer die Meinung vor, daß wir hübsch warten sollen, bis die andern, die uns so lieben, uns den Weg weisen, den wir zu gehen haben. Ein Lichtblick freilich ist die tatsächliche Abschaffung des Trinkzwanges in der Rheno-Palatia, und es wird sogar erzählt, daß einige K. C.-Verbindungen nicht mehr fechten. Dafür wird mancherorts fleißig Sport getrieben und freie, frohe Gemütlichkeit gepflegt. And es geht auch so sehr gut. Es hat sich so vieles geändert, warum soll das Studentenleben nicht auch mal anders und doch genau so schön wie früher sein? Soll der Nachwuchs des K. C. die dereinst führenden Persönlichkeiten im deutschen Judentum stellen, dann ist es nötig, jetzt schon die Besten für die Verbindungen herauszusuchen. Es wurde kürzlich im K. C. davon gesprochen, daß der Verband mehr Fühlung haben müsse mit prominenten jüdischen Persönlichkeiten. Wichtiger für die Lebensfähigkeit und das Ansehen des Verbandes erscheint es, die Grundlagen des K. C. so zu gestalten, daß aus ihm selbst die kommenden Prominenten hervorgehen können. Das Herauskehren der Schneidigkeit und die Aeberschähung des gesellschaftlichen Schliffs sind keine Anziehungsmittel für den geistig hochstehenden jungen Menschen. Auf ordentliche, frische, geistig bewegliche junge Leute muß es uns ankommen. Es mag sein, daß noch viele Abiturienten, von der alten, von den früheren Generationen innerlich erlebten, Studentenromantik angelockt sich eine gleiche fröhliche Studentenzeit er-