KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 10 (15.10.1928)
- Date
- 1928-10-15
- Page
- Seite 97 (sequence 3)
- Language
- German
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97 sich die Mehrheit ferngehalten hat von billigen Redensarten und von schallendem Kampfgeschrei, daß sie sich vielmehr aufrichtig bemüht hat, ruhig und leidenschaftslos, verantwortungsbewußte Arbeit zu leisten. Man darf dies sagen, ohne sich hinter diese Arbeit und ihre Ergebnisse zu stellen, um so mehr, als ein nicht ganz kleiner Teil der Delegierten und der auch hier wieder in Mengen auftretenden, längst nicht mehr studierender politischer Drahtzieher einen scharfen Ton in die Verhandlungen zu bringen bemüht war. Es zeigte sich gleich zu Beginn. Die Vertreter der Preußischen „Freien Studentenschaften" wünschten ihre Mandatsziffer nicht etwa auf der einzig richtigen Grundlage ihrer tatsächlichen Mitgliederzahl berechnet zu sehen. Sie erhoben den Anspruch, die Zahl aller an ihrer Hochschule eingeschriebenen Studierenden solle maßgebend sein. Das hat seine Bedeutung, die weit über einen vielleicht verständlichen Mandatshunger hinausgeht. Ist es doch nicht weniger, als die völlige Außerachtlassung des neuen Rechtszustandes. Trotz heftiger Widersprüche gelang dieser preußische Vorstoß. Es schien zunächst, als ob die schärfste Richtung auf dem Studententag siegen würde. Aber es kam anders. Und zwar von einer Seite, von der man es nicht erwarten durfte. Der Burschenschafter Schmadel, bisheriger Vorsitzender der D.St., hielt sein großes Referat über „Die Zukunft der Deutschen Studentenschaft". So bedeutungsvoll der Vortrag im einzelnen auch gewesen sein mag, — es würde zu weit führen, alle seine Punkte hier auch nur kurz zu streifen. Rur das Wesentlichste sei herausgegriffen. Den großdeutschen Gedanken nannte Schmadel — mit Recht, — eine der Wurzeln studentischer Arbeit. Man mußte aber aufhorchen, wenn er, ein Führer im Kampfe gegen Minister Becker, plötzlich sagte: „Der großdeutsche Gedanke fordert die unbedingte Aufrechterhaltung der großdeutschen Organisation der Studentenschaft, fordert aber nicht den heutigen Aufbau der deutschen Studentenschaften an den ausländischen Hochschulen, der bekanntlich volkstümlich ist, d. h. nach Abstammung und Muttersprache erfolgt, als unbedingt und allein richtig anzunehmen." (Nach der Deutschen Corpszeitung, Seite 142.) Diese Auffassung, von solcher Seite geäußert, mußte einen Widerhall finden, der weit über den Studententag hinausreichte. Auf dem Studententage selbst führte er zu Gegensätzen, die mehrmals fast Sprengungen der D.St. verursacht hätten. 2n der Tages- und der studentischen Presse schlug er sich nieder. Es kam zu heftigen Angriffen, aber auch zu ruhiger, etwas skeptischer Gefolgschaft auf seiten der — in sich arg zersplitterten studentischen Rechten. Warum der „Nachrichtendienst des deutschen Studentenverbandes" schwieg, warum er nicht die Worte des D. St.-Vorsitzers brachte, daß der auslandsdeutsche Ausbau der deutschen Studentenschaften „parteipolitisch" sei, ist dunkel. Gerade er hätte ein Recht gehabt, hier einen Erfolg seines Wirkens darin zu buchen; war doch seine eigene, bisher stets bekämpfte Auffassung von dem Führer seiner Gegner plötzlich geteilt worden! Neben diesem „Recht" hätte wohl auch die Pflicht bestanden, dies, den Regeln objektiver Berichterstattung gemäß, zu melden. Gerade ein Freund des D. St. V. darf die Gelegenheit nicht versäumen, diesen Mangel zu betonen. — Wenn Schmadel weiter sagte, daß die Nein-Abstimmung der Preußischen Studentenschaften in keiner Weise der Aufgabe ihres Rechtsanspruchs auf staatliche Anerkennung in einer Form bedeutet, die den Grundsätzen ihrer Arbeit entspricht, — so liegt darin ein logischer und ein staatsrechtlicher Fehler. Der Staat hat ja niemals der Studentenschaft die Selbstverwaltung genommen. Er hat sich nur gewehrt gegen einen Mißbrauch, der unter Ausnutzung redaktioneller Ungenauigkeiten seiner ursprünglichen Verordnung getrieben wurde, gegen einen Mißbrauch, der seine Richtung nahm gegen ihn, den Staat, selbst und sein Grundgesetz. Wie recht er damit hatte, zeigt eine Aeußerung der Turnerschaftsblätter, die besagt: „Für uns gibt es nur eine einzige Autorität, nach der wir das Leben unserer Hochschule gelebt wissen wollen, nämlich die Autorität der deutschen (ließ: völkischen — der Vers.) Idee. Wer es auch immer sei, der sich gegen diese Autorität versündigt, und sei es der Staat, gegen den kämpfen wir." Herr Schmadel irrt, wenn er etwa meint, der Staat müsse allen Gemeinschaften, die es wünschen, das Selbstverwaltungsrecht einräumen. Eine solche Pflicht hat der demokratische Staat ebenso wenig, wie der frühere. Denn Demokratie bedeutet nur, daß der Staat als Ganzes regiert werde vom Volkswillen, nicht aber, daß Stände oder Schichten sich selbst — unabhängig vom Staatswillen oder gar im Gegensatz zu ihm — regieren, und der Staat ihnen hierzu mit seinen Machtmitteln dienen müsse. Ulrich Kersten war der Führer der Opposition gegen Schmadel. Einen Teilsieg konnte er gewinnen. Eine von Schmadel zur Annahme gestellte Entschließung vermochte er nach langen, heftigen Kämpfen — auch hier drohte ein Zerfall der D.St. — so abzuändern, daß sie schließlich nichts mehr besagt. Und dem wieder zum Vorsitz berufenen Schmadel wurde er als gleichberechtigtes Vorstandsmitglied zur Seite gestellt. Die Kämpfe werden also fortdauern, nur innerhalb der Leitung der D. St., verborgen vor der Oeffentlichkeit. Man kann nichts tun, als die Entscheidung abzuwarten.