Mannheim
Compact Memory

KC-Mitteilungen · 1928-09-13 · Heft 9 (13.9.1928) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Mitteilungen
Volume
1928
Issue
Heft 9 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
Seite 79 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2822870-2822914-2822920--515-2823557
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

79 gesetzt den Fall, es stehen hier die Eltern ihrerseits zurück, so darf nicht übersehen werden, daß unsere Jugend, die uns heute heranwächst, für ihr Iudesein einen Inhalt begehrt, und zwar in den meisten Fällen einen religiös betonten. Line Rückkehr aus der religiösen Entfremdung zum orthodoxen Glauben und zu einer dementsprechenden Lebensführung ist aber unter den heutigen Zeitumständen und Anschauungen äußerst unwahrscheinlich. Deshalb liegt für jeden K. C.er, sowohl für den einzelnen, der für sich als denkender und empfindender Mensch einer Auseinandersetzung mit seiner Religion bedarf, wie für unsere K. C.-Familien die Notwendigkeit vor, sich mit dem religiös-liberalen Judentum und den innerhalb seiner Anhängerschaft vorhandenen Bewegungen zu beschäftigen. Ich hätte aus all diesen Gründen gewünscht, recht viele der Unsrigen hätten der Berliner Tagung und ihren Veranstaltungen beigewohnt. Sie hätten unstreitig starke, ja stärkste Eindrücke davongetragen und wären schon rein äußerlich angenehm berührt gewesen. Die ausgezeichnete Organisation der Tagung, die Haltung aller Beteiligten entsprach in vollem Maße den Anforderungen, die wir K. C. er als deutsche Korporations-Akademiker bei derartigen Zusammenkünften an Ordnung und Schönheit der Gestaltung zu erheben gewohnt sind. Man stelle sich vor Augen den holzgetäfelten großen vornehmen Verhandlungssaal des ehemaligen Herrenhauses mit seinem übersichtlichen Aufbau der Sitze und diesen Raum gefüllt — am Eröffnungsabend und auch sonst bisweilen bis auf den letzten Platz — mit Männern und Frauen, die sich, von innerer Bewegung getragen, den Ansprachen und Reden zuwenden. Auch mehrere gesellige Veranstaltungen, die der Freude, der Erholung, der Annäherung der Kongreßteilnehmer gewidmet waren — so besonders der Empfangsabend in dem mit herrlichsten - Künstschätzen geschmückten haus Lachmann-Mosse — zeigten eine Würde des Stils und Feinsinnigkeit der Durchführung, die uns deutsche Juden, vorab die Berliner, mit berechtigtem Stolz gegenüber den vielen Gästen aus dem Ausland erfüllen darf. Auch soll nicht vergessen werden, daß bei aller Gegensätzlichkeit der Meinungen in der Form ihrer Aeußerung Selbstzucht gewahrt und im Streben nach Eintracht am Ende jeder Mißklang ausgeschaltet wurde. Das Ganze — ein Beweis äußerer und innerer Kultur! Vielleicht machte sich hier schon die Kraft echter Religion in ihrer kultUrbildenden Wirkung geltend. Die verschiedenen Festgottesdienste schufen eine Stimmung der Weihe, die auch über die Schwelle des Gotteshauses und die Stunde der Andacht hinaus .anhielt. Am mächtigsten und nachhaltigsten prägte sich dem Empfinden der Zuhörer die Predigt der Miß Lily H. M o n t a g u ein. Es war nicht dre Sensation, zum ersten Male in einer Synagoge Deutschlands eine Frau in Amt und Tracht einer Predigerin auf der Kanzel zu sehen. Die Stärke der religiösen Persönlichkeit und deren inniges, echtes Empfinden drang mit jedem Wort, so schlicht es gesprochen war, in die herzen der lauschenden Menge. Und wenn jede Sitzung während der Verhandlungstage mit einem freien Gebet eines der anwesenden Rabbiner eröffnet und dann geschlossen wurde, so wurden die Gemüter unwillkürlich über die nüchterne Stimmung rein geschäftsmäßiger Abwicklung der Dinge weit hinausgehoben. Wer die Liste der Delegierten durchlas, wer sich im Saale umschaute, wer die Begrüßungsansprachen und die Tätigkeitsberichte aus den verschiedenen Ländern, dann die Vorträge und Referate hörte, wurde gewaltig ergriffen von dem Bewußtsein, daß die beklagenswerte Zerrissenheit der liberalen Juden in der Welt überbrückt war. Wer kam nicht alles zum Wort, sei es, daß er selber sprach, sei es, daß die Kundgebungen verlesen wurden: Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Canada, England, Frankreich, Belgien, Polen, Ungarn, Tschecho-Slowakei, Schweden, Südafrika, Indien und natürlich unser Deutschland! Daß die liberalen Juden sich nicht unerheblich später als die Orthodoxen und die Zionisten zu einem Weltverband zusammengeschlossen haben, ist durchaus begreiflich. Im Wesen des Liberalismus liegt der Individualismus beschlossen, das ausgesprochene Recht des Einzelnen, seinen eigenen Ueberzeugungen zu folgen, ohne eine von vornherein gegebene Bindung durch die Gesamtheit. Hierin drückt sich unstreitig die Schwäche des Liberalismus gegenüber anderen Parteien aus, die im selbstverständlich gegebenen Zusammenschluß ihrer Anhänger eine Summierung und über diese hinaus eine Steigerung ihrer Kräfte von erheblichem Ausmaß besitzen. Nachdem nun aber auch das liberale Judentum zuerst auf der Weltkonferenz von London, die vor etwas über zwei Jahren stattfand, sich mit der weit auseinanderstrebenden Menge ihrer Anhänger zu einer organisatorischen Einheit 'zusammengefunden, den Weltverband begründet und jetzt seine erste Tagung gehalten hat, ist jene naturgemäß vorhandene Schwäche im wesentlichen überwunden. Man hat eingesehen, daß alle Religiosität, die entweder Sache des Einzelnen — und das ist mehr liberale Auffassung — oder der Gemeinschaft — dahin neigen orthodox-konservative Strömungen — sein will» nicht auf die Dauer bei diesem Entweder-Oder der Gegensätzlichkeit beharren kann, ohne so oder so schweren Schaden zu erleiden. „Der Einzelne und die Gemeinschaft" ist das Thema, das darum heute in jüdisch-liberalen Kreisen im Vordergrund steht und stehen muß. Daß es hier gilt, große Schwierigkeiten zu überwinden, ist klar. Die Stelle, wo dies möglich ist, ist im geschichtlichen Sinne zuerst und in der Gegenwart zunächst die Familie. Vergegenwärtigen wir uns, was oben über den heutigen Zustand in K. C.-häusern esagt wurde, so werden uns die Beratungen, die ie Weltkonferenz in einer ihrer drei besonderen Sektionen neben dem „Gottesdienst" und der „Jugend" dem „Häuslichen Leben" gewidmet hat, besonders wichtig erscheinen. In dem damit umschriebenen Zirkel, der Familie, ist zuerst in den uralten Zeiten der abrahamitischen Epoche das Judentum überhaupt in Erscheinung getreten, und heute besteht zunächst die Möglichkeit, jene Spannung zwischen dem religiösen Leben des Einzelnen und der Gesamtheit auszugleichen wiederum im Rahmen der Familie, des häuslichen Lebens. Unstreitig liegt aber rn Wirklichkeit hier, zumal in den uns nahestehenden Kreisen, ein empfindlicher Mangel vor. Bestenfalls sind noch Reste einer gewissen „Synagogenreligion" vorhanden. Aber wo sind die Väter und die Mütter, die es selbst bei gutem Willen verstehen, ihrer Nachkommenschaft im häuslichen Rahmen religiöse Werte zu bieten, die ausgesprochen jüdischer Prägung sind? Die Verhandlungen jener Sektion wiesen nachdrücklich auf solchen Mangel hin, und die Teilnahme sehr vieler Frauen gerade an diesen Beratungen zeigte, daß man ein richtiges Empfinden bei ihnen für diese Not der Zeit hat. Man forderte dort, „oaß das häusliche Leben, besonders die Erziehung der Kinder, wieder unter religiöse Gesichtspunkte gestellt und daß zu diesem Zweck Richtlinien geschaffen werden, die für die liberalen Juden der ganzen Welt gleich sein und dadurch eine gewisse autoritative Kraft erhalten sollen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.